6. Arzt-Patienten-Seminar in Mainz

Zum 6. Arzt-Patienten-Seminar trafen sich Schilddrüsenpatienten am 28. Mai 2005 in bei Prof. Dr. med Lothar-Andreas Hotze. Das Thema des diesjährigen Seminars: Schilddrüse und Psyche. Es referierte Frau Sabine Möller, Studentin der Psychologie mit 11 jähriger Berufserfahrung in der Psychiatrie und darüber hinaus selbst an Hashimoto Thyreoiditis erkrankt. Es folgt eine Zusammenfassung des Referates, ergänzt durch Hinweise aus der anschließenden Diskussion unter Referentin, Patienten und Prof. Dr. Hotze und Dr. Sojitrawalla.

Hormone und Psyche

Es ist anzunehmen, dass ein wesentlicher Teil der psychiatrischen Erkrankungen mit einer Schilddrüsenfunktionsstörung einhergehen.

Unser Körper besteht aus über 300 bekannten und wohl über 1000 unbekannten Hormonen. Hormone können sämtliche biologische Stoffwechselvorgänge nicht nur beeinflussen, sondern sind für sie verantwortlich. Hormone sind chemische Botenstoffe, die über körpereigene Drüsen direkt an das Blut abgegeben werden und an dafür vorgesehenen Organen bestimmte Reaktionen auslösen. Ist ein Hormon in einer zu geringen Menge vorhanden oder fehlt es komplett, so ist eine Störung vorprogrammiert. Hormonelle Störungen unterschiedlicher Ursachen können den kompletten hormonellen Stoffwechsel verändern.

Dass endokrine Störungen, also fehlerhafte Ausschüttungen von Hormonen, psychische Symptome verursachen können, ist in der Forschung seit vielen Jahren bekannt. Im Gegensatz zur Lehrmeinung des 19. Jahrhunderts, nach der Traumata oder prägende Kindheitserfahrungen als Auslöser für organische Erkrankungen betrachtet wurden (Psychosomatik), betrachtet man heute den Zusammenhang aus dem gegenüberliegenden Blickwinkel: Hormonelle Ungleichgewichte können seelische Ungleichgewichte auslösen. Einige Hormone können die Blut-Hirn-Schranke überwinden und dann direkt in den Hirnstoffwechsel eingreifen.

Viele dieser endokrinen Störungen können einen dramatischen Verlauf annehmen. Hierzu gehören Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion), Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion), Hyperglykämie, Hypoglykämie, Hypercortisolismus, Hypocortisolismus, Hyperparathyroidismus und das Phäochromozytom. Auch Krankheiten, welche mit Schilddrüsenerkrankungen oftmals im Verbund auftreten, wie Wachstumshormonmangel, Hypogonadismus und Hyperprolaktinämie führen häufig zu psychischen Symptomen.

Schilddrüse und Psyche

Die psychischen Auswirkungen einer Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) zeigen sich in schnellen Stimmungswechseln, psychomotorischer Unruhe, Angstzuständen, Depressionen, bis hin zu psychotischen und schizoiden Symptomen. In 90% der Fälle kommt es nach Normalisierung der der Schilddrüsenfunktion zu einer vollständigen Rückbildung dieser Symptome.

Häufige psychische Symptome einer Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) sind Depressionen, oft apathisch-lethargische Symptome, Psychosen, Angst und reversible Demenzen. Oft, aber nicht immer tritt eine Rückbildung nach Normalisierung der Stoffwechsellage auf.

In beiden Fällen können traumatische Ereignisse, extreme Stresssituationen oder dauerhaft starke emotionale Belastungen als Auslöser oder auch als Verstärker psychischer Beschwerden angesehen werden.

Die psychischen Beschwerden sind in vielen Fällen die ersten Symptome einer beginnenden Schilddrüsenfehlfunktion. Obwohl der Zusammenhang von Schilddrüsenerkrankungen und psychischen Symptomen hinreichend bekannt ist, werden viele Patienten zuerst oft über einen langen Zeitraum erfolglos psychiatrisch/psychotherapeutisch behandelt, bevor die Schilddrüsenerkrankung als Ursache herangezogen wird.

Fallstudie: Depressionen als Zeichen hormoneller Störungen

Im Verlauf ihrer Erkrankung erleben viele Patienten mit Schilddrüsenunterfunktion (etwa als Folge einer Hashimoto Thyreoiditis) Phasen von depressiven Verstimmungen bis hin zu tiefer Depression. Die Symptome einer Depression können unterschiedlich stark ausgeprägt sein.

Symptome der Depression

Die seelischen Symptome einer Depression können sein:

Darüber hinaus kommt es durch eine Depression auch zu zahlreichen körperlichen Symptomen, bei denen die Überschneidung mit schilddrüsenspezifischen Problemen allerdings eine Differenzierung erschwert:

Die psychosozialen Konsequenzen einer Depression sind vor allem durch den Rückgang zwischenmenschlicher Kontakte gekennzeichnet. Depressive neigen zur Isolation. "Unerklärliche" Probleme mit dem Partner, den Kindern, dem Vorgesetzten entstehen vor allem durch das "innerliche Erkalten" und durch deutlichen Leistungsabfall und damit verbunden Herabstufung, Arbeitsplatzverlust u. a..

Geschlechts- und Altersspezifik von Depressionen

Depressionen treten im Kindes- und Jugendalter seltener auf. Das Beschwerdebild verläuft hier meist anders und wird häufig jedoch nicht als Depression erkannt bzw. mit nachvollziehbaren seelischen, körperlichen oder psychosozialen Auslösern erklärt.

Frauen sind drei Mal so häufig von Depressionen betroffen als Männer. Diese Verschiebung mag sich aber auch daraus erklären, dass Frauen im Allgemeinen früher einen Arzt aufsuchen und sich einer Behandlung unterziehen als Männer. Vor allem im dritten Lebensjahrzehnt, nach Schwangerschaften und während der Wechseljahre sind Frauen von Depressionen betroffen. Männer trifft eine Depression häufig im fünften und sechsten Lebensjahrzehnt, hier wird Depression oft mit Altersdemenz verwechselt.

Biologische Krisenzeiten können das Auftreten von Depressionen begünstigen:

Weitere verlaufsbestimmende Faktoren von Depressionen

Neben endokrinen Störungen können auch äußere Faktoren eine Depression auslösen, bzw. den Ausbruch begünstigen. Zu den psychosozialen Ursachen zählen unter anderem:

Zu weiteren körperlichen Auslösern/Verstärkern zählen etwa: 

Auch persönlichkeitsspezifische Veranlagungen können den Ausbruch und vor allem den Verlauf einer Depression beeinflussen. Hierzu zählen beispielsweise:

Therapie von Depressionen

Bei der Therapie von Depressionen auf Basis einer Schilddrüsenerkrankung darf nicht vergessen werden, dass das Problem aufgrund einer hormonellen Störung besteht und sich in den meisten Fällen mit der Normalisierung der Stoffwechsellage auch die Psyche stabilisieren wird.
Dennoch können zur Überbrückung der Zeitspanne bis zur erfolgreichen Therapie der Schilddrüsenfehlfunktion, manchmal auch darüber hinaus, unterstützende Therapieformen sinnvoll sein.

Unterstützend können folgende Ansätze Linderung verschaffen: 

"Serotonin" ist ein Begriff, der im Zusammenhang mit Depressionen häufig fällt. Serotonin ist ein Hormon, ein Botenstoff in unserem Gehirn. Es greift in unseren Schlaf-Wach-Rhythmus ein, beeinflusst das Sexualverhalten, Aggressionen, Impulsivität, Gedächtnis, Appetit, Angst und unser Lebensgefühl.
Depressive Patienten haben einen um bis zu 50% verminderten Serotoningehalt im Blutserum (gemessen im Zustand des für Depressionen typischen morgendlichen Stimmungstiefs) als Nichtdepressive. Auch die Ausscheidungsrate des Endproduktes des Serotoninstoffwechsels (5-Hydroxy-Indolessigsäure) im Urin gemessen ist entsprechend geringer. Es ist umstritten, ob Depressionen immer mit einem nachweisbaren Mangel an Serotonin im Gehirn einhergehen müssen oder dadurch verursacht werden. Allerdings kann die Symptomatik einer Depression durch eine Steigerung des aktuellen Serotoninspiegels deutlich gelindert werden.

Ob Psychopharmaka bei nachgewiesenen Schilddrüsenerkrankungen das Mittel der Wahl sind, wird heute nicht eindeutig bejaht oder verneint. Sicher ist, dass eine Behandlung mit L-Thyroxin im Vordergrund stehen sollte. Dies gilt auch für so genannte latente Unterfunktionen, bei denen sich die Schilddrüsenwerte noch nicht eindeutig unterhalb der Labornormen befinden. Praxisinterne Studien und Erfahrungen haben diesbezüglich deutliche Erfolge zu vermelden.

Dennoch können Psychopharmaka im gegebenen Fall Symptome lindern. Nachfolgend sollen die klassischen Wirkgruppen aufgeführt und deren Vor- und Nachteile beschrieben werden.

Trizyklische Antidepressiva:

Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI):

MAO-Hemmer:

Lithiumsalze

Tranquilizer/Sedativa

Zusammenfassung

Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Lethargie sind typische Symptome einer Schilddrüsenunterfunktion. Aber auch die einer Depression. Ebenso können Angst- und Panikstörungen, Nervosität und Schlaflosigkeit sowohl einer Depression als auch einer Schilddrüsenüberfunktion zugeschrieben werden. Hier vermischen sich Symptome. Mancher Schilddrüsenpatient wird jahrelang relativ erfolglos mit Psychotherapien und Antidepressiva behandelt, bevor die Ursache der Depression gefunden wird. So kommt es häufig vor, dass Patienten mit ausgeprägten Depressionen Schilddrüsenfunktionsstörungen haben, teilweise auch latent, also im Anfangsstadium ohne signifikant veränderte Schilddrüsenparameter im Blutbild. Besonders schwierig gestaltet sich die Diagnosestellung im Kindesalter, wo Schilddrüsenfunktionsstörungen häufig mit AD(H)S verwechselt werden. Es gilt also immer, die tatsächliche Ursache der Depression zu klären. Im akuten Fall können auch bei Schilddrüsenfunktionsstörungen Antidepressiva temporär Linderung verschaffen bis die Ursache behoben ist. Hier sollte erst zu gut verträglichen und nebenwirkungsarmen Medikamenten gegriffen werden. Oft berichten Patienten aber auch, dass eine medikamentöse Therapie mit Antidepressiva keinen Erfolg gezeigt hat. Dies ist individuell verschieden und muss im Einzelfall ausprobiert werden. Im Vordergrund steht bei Schilddrüsendysfunktionen aber natürlich immer die dauerhaft stabile Normalisierung der Stoffwechsellage.

Sabine Möller, Kerstin Naruhn