Newsletter 02/2007

15.03.2007

Deutschsprachige Version

Das Geheimnis des Klonschafs Dolly oder die Umkehr der biologischen Uhr

Beim Durchblättern der neuesten Informationsschrift der GSAAM (German Society of Anti-Aging-Medicine) (1) stieß ich auf den Buchtitel: "Das Ende des Alterns." (2)

Normalerweise lohnen Bücher mit solchen oder ähnlichen Titeln das Lesen nicht. Sie sind zumeist oberflächlich, enthalten oft nur Allgemeinplätze und sind außerdem häufig voneinander abgeschrieben.

Bei diesem Buch war es jedoch der Name des Erstautors, der mich veranlasste, das Buch zu lesen:
Johannes C. Huber - Prof. Dr. theol. Dr. med. - ist einer der führenden Köpfe der GSAAM und der ESAAM (European Society of Anti-Aging Medicine) (3).

Huber (4) hat Medizin und Theologie studiert und ist Leiter der gynäkologischen Abteilung der Universitätsklinik Wien; auch zählt er zu den führenden Hormonspezialisten in Europa; seine Kongress Vorträge sind absolute Highlights und werden von kaum einem anderen Referaten erreicht. Er verfügt neben profundem medizinischem Wissen über fundierte Kenntnisse in Philosophie, Geschichte, Molekulargenetik, Biologie und Physik.

Meine Erwartungen an das Buch wurden daher erwartungsgemäß auch nicht enttäuscht.

Ähnlich wie die vielen anderen "Anti-Aging-Bücher" handelt Huber in 10 Kapiteln die "üblichen Strategien" (wie: Bekämpfung der freien Radikale, Hormonersatz, Kalorienreduktion, Krebsvorsorge, Lebensstil, Stammzellen etc.) ab, aber er tut dies wesentlich differenzierter und mit größerer Tiefe, und mit genauer Herleitung und Erklärung der Geschehnisse auf Zellebene; das Buch ist trotz seiner Differenziertheit und Komplexität für den medizinischen Laien gut verständlich. Es ist auf jeden Fall empfehlenswert und anderen mit ähnlichem Thema klar vorzuziehen.

Aber - das Buch enthält mehr als "Das "Übliche":
in zwei Passagen liest man Außergewöhnliches:

  1. Die Rückverwandlung des Erbgutes erwachsener Körperzellen (Erwachsenen DNA) in embryonales Erbgut (embryonale DNA = Startpunkt des Lebens) - welches sich unter der Überschrift "Das Geheimnis des Klonschafs Dolly - oder die Umkehr der biologischen Uhr" zusammenfassen lässt -
    und
  2. Die Bedeutung der "Verpackung" des Erbgutes für die Lebensdauer von Lebewesen - subsumiert unter: "Das Geheimnis der Bienenkönigin"
    Die Bienenkönigin hat gegenüber der Bienenarbeiterin eine 5mal längere Lebensspanne (5 Jahe/1Jahr), bei identischem genetischem Code! (bei Ameisen beträgt das Verhältnis 6:1)
    Übertragen auf den Menschen würde dies bedeuten: ein 2004 als "Arbeiterin" geborenes Mädchen hat eine durchschnittliche Lebenserwartung von 81,5 Jahren, eine "menschliche Königin" hingegen hätte eine Lebenserwartung von über 400 Jahren!!

Das Buch beginnt mit dem medienbekannten Klonschaf Dolly, genauer mit der Verleihung des mit 100.000 € (!!) dotierten Paul-Ehrlich- und Ludwig-Darmstaedter-Preises an Ian Wilmut in der Frankfurter Paulskirche, im März 2005.
Der 1944 in Hampton Lucey, England, geborene Ian Wilmut gilt als "geistiger Vater" des "berühmten" Klonschafs.

Der Preis wird von der Paul-Ehrlich-Stiftung vergeben, deren Ehrenpräsident niemand geringerer als der Bundespräsident ist, der Vorsitzende des Stiftungsrates ist Hilmar Kopper, ehemaliger Vorstandvorsitzender der Deutschen Bank. (5)
Der Preis ist etwas ganz besonderes und hat international eine sehr große Reputation.
Der Preisträger, Ian Wilmut, wurde im Inneren der Paulskirche außer mit Euros auch noch mit Lobreden überschüttet.

Der verwunderte Leser fragt sich: warum bekommt ausgerechnet der "Erfinder" des Klonens einen solchen Preis, wo doch Klonen seit Jahren in allen Medien als etwas "Böses" dargestellt wird?

Hier kommt das "Geheimnis" um das Schaf ins Spiel: es ging bei der ganzen Sache überhaupt nicht ums Klonen. Das Klonen war nur ein Nebenschauplatz, der laut Huber "zur Hauptbühne erklärt wurde, um die vollen Konsequenzen der Dechiffrierung des Alterns zumindest derzeit noch nicht diskutieren zu müssen."(2)
Huber geht noch weiter und schreibt: "Denn die wahre, jedes biologische Wissen auf den Kopf stellende Entdeckung beim "Dolly-Experiment" wurde den Menschen bis heute verheimlicht - entweder mit voller Absicht oder einfach nur, weil man sie nicht beunruhigen wollte." (2)

Auch Wilmut selbst lies in Interviews durchblicken, dass es beim Schaf Dolly überhaupt nicht ums Klonen gegangen sei sondern "um Mechanismen..,die zur Reprogrammierung des Zellkerns führen." (6,7)

Was hatte das Forschungsteam um Wilmut eigentlich ursprünglich vorgehabt?

Geplant war der Einbau eines menschlichen Gens, das einen Blutgerinnungsfaktor produziert, in die Euterzellen eines Schafes.
So hätten auf billige Weise große Mengen eines speziellen humanidentischen Faktors zur Beeinflussung der Blutgerinnung produziert werden können, man hätte diesen Faktor einfach aus der Milch entsprechend "programmierter" Schafe "ernten" können. - Dies ist übrigens keine neue Idee: humanidentisches Insulin oder Wachstumshormon wird schon seit langem von Bakterien "hergestellt", in deren Erbgut der entsprechende menschliche Genabschnitt eingesetzt wurde. -

Wie ging das Forscherteam technisch vor?

In einem ersten Schritt wurde der Zellkern aus einer Euterzelle eines erwachsenen Schafs isoliert.
Die Gene des Kerns der Euterzelle haben die Aufgabe, dass Milch produziert wird.
Der isolierte Zellkern wurde dann in eine zuvor entkernte Eizelle transferiert.
Die Forscher erhofften sich, dass die Eiweißsynthese und Milchproduktion der Euterzelle dadurch gesteigert würde.
Aber - etwas Seltsames und ganz anderes passierte: statt mehr Milch zu produzieren verwandelte sich die DNA der Euterzelle zurück in ihre frühere Entwicklungsstufe und wurde in jenen Embryo zurückverwandelt, aus dem der einst entstanden war.

Das ist in der Tat etwas, was so noch nicht öffentlich gesagt wurde: aus einer alten Zelle wird wieder ein Embryo; die gesamte biologische Zeit dieser Zelle wurde zurückgedreht. Aber wodurch?
Durch "magische Proteine", so zitiert Huber die Redakteurin des Magazins "Science", Gretchen Vogel. (2) Genau um diese "magischen" Substanzen geht es.

Huber (2) weiter: "Verantwortlich sind Bestandteile jener biologischen, den Zellkern der mütterlichen Eizelle umspülenden Nährlösung.........(die es) verstehen.., aus einer alten Zelle eine junge zu machen, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und das Alter durch die Jugend zu ersetzen. Wie das geschieht und wie damit der Alterungscode endgültig enträtselt werden kann, das ist den Wissenschaftlern seit dem Dolly-Experiment in den Grundzügen bekannt." (Hervorhebung durch den Autor)

Bekannt sind die Fakten um den Code sicher auch dem Preiskomitee der Paul-Ehrlich Stiftung, einigen Politikern (8) und den Sponsoren der Stiftung. (9)
Wenig bis Nichts jedoch weiß bedauerlicherweise die Öffentlichkeit darüber und wird offenkundig auch weiterhin nicht genug über die weitere Entwicklung informiert.

Denn:
Wilmut hat Großes vor:
Er hat von der Britischen Regierung die Genehmigung, menschliche Embryonen zu klonen (10) und ist - wie er selbst sagt - auf der Suche nach dem "magischen Protein" "einem noch unbekannten Eiweißstoff, der sich in der Eizelle befindet und dafür sorgt, dass sich die biologische Uhr der Zelle gewissermaßen zurückdreht."

Weiter sagt Wilmut in einem "Zeit"-Interview (11):
"Irgendwann werden wir lernen, sie (die erwachsene DNA) gezielt zu verändern. Dann wird man etwa Parkinsonpatienten Blutzellen entnehmen und diese verjüngen auf einen regenerationsfähigen Status, der nicht ....bis zum Embryonenstatus zurückreichen muss." (Einfügung und Hervorhebung durch den Autor)

Außer bei "etwa Parkinsonpatienten" könnte das "Zellalter-Rückstell-Elixir" natürlich auch bei Gesunden seine Wirkung entfalten - etwa in Form einer Auffrischung von nach langer "Betriebszeit" etwas "abgenutzten" Organen mit verjüngtem Zellmaterial; so könnte die "Betriebsdauer" des menschlichen Organismus beträchtlich verlängert werden.

PS1:
Dass es auch darum geht, hat Wilmut bereits während der Preisverleihung angekündigt: er wolle die 100.000 € in die Erforschung bislang unheilbarer Krankheiten stecken. (12)
Gehört altersbedingter Verschleiß von Organen nicht auch in die Kategorie "unheilbar"?
Warum sollte denn nicht nur die Überlebenszeit unheilbar Kranker und nicht die gesunder Älterer verlängert werden?

Quellen/Literatur

1) http://www.gsaam.de/
2) Huber J, Buchacher R: Das Ende des Alterns. Berlin, Econ, 2005.
3) http://www.esaam.com/
4) http://www.drhuber.at/index.html
5) http://de.wikipedia.org/wiki/Paul-Ehrlich-und-Ludwig-Darmstaedter-Preis
6) http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/25.06.2003/628301.asp
7) http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2003/0626/wissenschaft/0212/index.htm
8) http://www.oedp-bayern.de/presse/pm678.html
9) http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,346397,00.html
10) http://www.cdl-online.de/aktuel/a-2005/210205.htm
11) http://www.wissenschaft-online.de/artikel/772812
12) http://www.zeit.de/2005/11/Ian_Wilmut?page=6
13) http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,346397,00.html

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