Newsletter 19/2006

29.09.2006

Die Geschichte der Radiojodtherapie (RJT)

Zusammenfassung

Die Radiojodtherapie (RJT) wird heute ausschließlich mit dem Jodisotop I-131 durchgeführt.
I-131 ist sozusagen ein "Abfallprodukt" des Atombombenbaus (Uranspaltprodukt), und war erst nach Ende des 2. Weltkriegs in größeren Mengen verfügbar. Die Wirkungsweise beruht darauf, dass I-131 aktiv von den Schilddrüsenzellen aufgenommen wird, und seine Strahlung nur 0,5 mm Reichweite im Gewebe hat, so dass seine Strahlenwirkung ausschließlich in der Schilddrüse stattfindet.

Die Geschichte der RJT beginnt in Paris, gegen Ende des 19. Jahrhunderts: die Forscher Bequerel und Curie entdecken die Radioaktivität. Die erste RJT wurde in Boston, USA, im Jahr 1943 durchgeführt. Dazwischen lagen viele bedeutende Entdeckungen auf dem Gebiet der Radioaktivität; an viele Forscher wurden Nobelpreise verliehen. 1946 wurde in New York zum ersten Mal ein Patient mit Schilddrüsenkrebs mit Radiojod therapiert (erfolgreich). 1948 wurde die erste RJT in Europa durchgeführt. Unter den mittlerweile in die Millionen gehenden Patienten finden sich prominente Namen wie der ehemalige Präsident George Bush sen., seine Frau Barbara, und der ehemalige Bundeskanzler Schmidt.
Die prominentesten Forscher gehören einer Familie an: den Curies, die alleine 5 Nobelpreise in Naturwissenschaften erhielten. Marie Curie ist sogar der einzige Mensch, der seit Einführung des Preises (1901) jemals einen Preis sowohl in Physik als auch in Chemie erhalten hat.

Die ausführliche Version dieses NL enthält einige Anekdoten, die im Zusammenhang mit historisch erstmaligen Therapien und der Therapie prominenter Personen der Zeitgeschichte entstanden sind.
Wer Interesse hat - hier folgt die ausführliche Version:

1) Die Gegenwart

Das heute in der nuklearmedizinischen Therapie von Schilddrüsenkrankheiten ausschließlich verwendete Nuklid ist das Jodisotop I-131.

I-131 hat folgende physikalische Eigenschaften:

Verantwortlich für den therapeutischen Effekt ist die Betastrahlung. Sie hat im Schilddrüsengewebe eine geringe Reichweite (0,5 mm). Da Jod und seine Isotope im menschlichen Körper ausschließlich in der Schilddrüse aktiv aufgenommen werden, entsteht eine sehr hohe Dosis innerhalb, bei sehr geringer Dosis außerhalb der Schilddrüse. I-131 ist damit ein ideales Isotop zur Behandlung gut- und bösartiger Schilddrüsenerkrankungen. Durch die Gammastrahlung des I-131 kann gleichzeitig die Speicherung des therapeutischen Beta-Anteils bildlich sichtbar gemacht werden (Szintigraphie).
Zu den gutartigen, mit Radiojod behandelbaren, Erkrankungen zählen die verschiedenen Formen der Überfunktion sowie die Vergrößerung der Schilddrüse (knotige und nicht-knotige Form).
Bei bösartigen Erkrankungen, die mit I-131 therapiert werden, handelt es sich hauptsächlich um 2 Formen von differenzierten Schilddrüsenkarzinomen - die papilläre und follikuläre Form. Dabei wird die RJT eingesetzt, um lokal nach der Operation noch verbliebenes Schilddrüsenrestgewebe zu zerstören und eventuell vorhandene Metastasen (in Lymphknoten, Lunge oder anderen Geweben) aufzuspüren und zu zerstören.
Vor dem therapeutischen Einsatz von I-131 wird mit einer geringen Testaktivität die I-131 prozentuale Aufnahme in das Zielgewebe und die Halbwertszeit (HWZ) des I-131 im Gewebe gemessen. Das Volumen des zu behandelten Gewebes wird per Ultraschall ermittelt. Anhand einer Formel kann die notwendige Aktivitätsmenge für jeden einzelnen Patienten individuell genau ermittelt werden.
Die berechnete Aktivitätsmenge ist kommerziell verfüg- und bestellbar, und wird in Kapselform oral verabreicht. Die Therapie mit RJT muss in Deutschland aufgrund gesetzlicher Bestimmungen stationär durchgeführt werden, andere Staaten der EU haben liberalere Regelungen mit unterschiedlich hohen Freigrenzen, die es gestatten, eine RJT (bis zu einer bestimmten Aktivitätsmenge) auch ambulant durchzuführen.

Was sich heute so nüchtern und selbstverständlich anhört, hat eine sehr spannende Vorgeschichte - mit vielen bekannten Wissenschaftlern, Nobelpreisen und technisch/wissenschaftlich/medizinischen "Firsts" - und sogar mit prominenten Politikern und Wasserproben aus dem Weißen Haus.

2) Die Anfänge - Von Europa nach Amerika

Die Geschichte der RJT beginnt - wie viele Elemente der Schilddrüsendiagnostik und -therapie - im alten Europa, im Paris des zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts:
Im Jahr 1896 entdeckt Henri Antoine Bequerel (1852 - 1908) die natürliche Radioaktivität anhand der Eigenstrahlung von Uranerzen. Ab 1898 entdecken seine Assistentin Marie Curie (1867 - 1934), und ihr Ehemann Pierre Curie (1859 - 1906), die radioaktiven Elemente Radium und Polonium.
1903 erhielten Bequerel und das Ehepaar Curie dafür den Nobelpreis für Physik.
Mit den Curies und Bequerel begann Anfang des 20. Jahrhunderts das Atomzeitalter, mit seiner guten und seiner schlechten Seite (der Medizin und den Nuklearwaffen).

3) Zeitpunkte und Namen, die für die Entwicklung der RJT wichtig waren (1):

1897 Entdeckung des Elektrons (Joseph Thomson)*
1900 Quantentheorie (Max Planck)*
1911 Atommodell (Ernest Rutherford)*
1913 Rutherford- Bohr Atommodell (Niels Bohr)*
1923 Begriff "Isotop" (Frederick Soddy)*
1923 Begründung der Tracer Technik (Georg von Hevesy)*
1927 Bestimmung von Kreislaufzeiten mit Radium C (Hermann Blumgart)
1928 Entwicklung des Geiger Zählers (Hans Geiger)
1932 Bau des ersten Zyklotrons (Ernest O. Lawrence)*
1932 Entdeckung des Neutrons (James Chadwick)*
1932 Nachweis von Positronen (Carl Anderson)*
1934 Entdeckung der künstlichen Radioaktivität (Irene Curie Joliot, Frederic Joliot)**
1936 Herstellung des ersten radioaktiven Jodisotops I-128 (Emilio Segre)*
1936 Erste Therapie mit P-32 (John H. Lawrence)
1938 Erste Kernspaltung (Otto Hahn, Lise Meitner)*
1938 Herstellung des Jodisotops I-131 (Glenn T. Seaborg)*
1942 Entwicklung des ersten Kernreaktors (Enrico Fermi)*
1941 Erstmals I-131 zur Therapie gutartiger Schilddrüsenerkrankungen (Saul Hertz, Arthur Roberts, Robley Evans, Joseph Hamilton, John H. Lawrence)
1943 Erstmals I -131 Therapie bei einer bösartiger Schilddrüsenerkrankung (Samuel M. Seidlin)
1948 Erstmals I-131 Therapie bei Schilddrüsenkrebs in Europa (Cuno Winkler)

*Ausgezeichnet mit dem Nobelpreis (Physik oder Chemie)

Am 31.3.1941 führt Saul Hertz (Massachusetts General Hospital, Harvard University) zusammen mit Arthur Roberts und Robley Evans vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) die erste RJT in der Medizingeschichte durch. Sie therapieren einige Patienten mit Hyperthyreose und verwenden dabei hauptsächlich das Isotop I-130 (HWZ: 12.5 h). (2)

Einige Monate später und einige tausend Meilen weiter westlich, im kalifornischen Berkeley, führen am 12.10.1941 Joseph Hamilton und John H. Lawrence (Bruder von Ernest O. Lawrence, Erfinder des Zyklotrons und Nobelpreisträger von 1932) ebenfalls eine erste RJT durch, die erste mit dem Isotop I-131, welches gegenüber dem I-130 den Vorteil der deutlich längeren HWZ von knapp 8 Tagen hat - und welches heute noch verwendet wird.
Beide Arbeitsgruppen konnten sich damals also als "die Ersten" fühlen und präsentierten ihre Ergebnisse erstmalig auf einem Kongress der American Society for Clinical Investigation in Atlantic City, New Jersey, im Frühjahr 1942.

Der Anwendung am Menschen waren tierexperimentelle Untersuchungen mit I-128, einem sehr kurzlebigen Isotop (HWZ: 25 min), vorangegangen. Seit 1936 war es am MIT möglich, kleine Mengen I-128 herzustellen. An Kaninchen konnte gezeigt werden, dass das Isotop selektiv und aktiv von der Schilddrüse aufgenommen wurde. (3)
Sowohl den Bostoner Forschern als auch der Gruppe in Berkeley war klar, dass für Therapiezwecke längere HWZ benötigt wurden. Beide Forschergruppen verfügten über ein Zyklotron und konnten I-130 und I-131 herstellen.
1939 waren es die Forscher um Hamilton (Berkeley, Kalifornien), die als erste zeigten, dass auch I-131 von der menschlichen Schilddrüse aufgenommen wird. (4)

Es war der New Yorker Arzt Samuel M. Seidlin (1895 - 1955), der als erster I-131 bei Schilddrüsenkrebs mit Metastasen einsetzte - und Medizingeschichte schrieb (Seidlin war Leiter der endokrinologischen Abteilung des Montefiore Hospitals in New York City). (5,13)

Die Geschichte um S.M. Seidlin und seinen Patienten Mr. B.B. ist Legende:
Mr. B.B. entwickelte 20 Jahre nach einer kompletten Thyreoidektomie Zeichen einer schweren Hyperthyreose. Seidlins Theorie war, dass Mr. B.B. hormonell aktive Metastasen entwickelt hatte. Er bestellte daher eine kleine Menge radioaktives Jod (eine Mischung aus I-130 und I-131) als Testdosis, was $ 1500 seines Forschungsetats verschlang und was damals eine formidable Menge Geld war. Im März 1943 erhielt Mr. B.B. die Dosis, und Seidlin, ausgerüstet mit einem tragbaren Geigerzähler, mapte die Radioaktivitätsverteilung in Mr. B.B.´s Körper. An diesem denkwürdigen Tag wurde alle radiologisch bekannten Läsionen als I-131 speichernd gefunden, sowie 2 zuvor unbekannte Metastasen; im Bereich der früheren Schilddrüse wurde keine Aktivität gefunden. Der Pathologe des Krankenhauses, Dr. Marine, wird mit folgendem Satz zitiert: "I have seen many metastases under the microscope, but this was the first time I heard a metastasis talk! " (Ich habe schon viele Metastasen unter dem Mikroskop gesehen, aber dies ist das erste Mal, dass ich eine Metastase sprechen gehört habe)
Mr. B.B. erhielt weitere Dosen I-131 und galt 1949 als geheilt. Mr. B.B. wurde zum medizinischen Wunder und Besucher aus aller Welt strömten ins Montefiori Hospital, um Mr. B.B. und seinen Arzt zu sehen. Das Life Magazine schrieb in einer Titelstory über Seidlin: "……..tumours were destroyed in a simple, almost miraculous way: by the drinking of four doses of radioactive iodine. "(Tumoren wurden in einer einfachen, fast an ein Wunder grenzenden Weise zerstört: durch Trinken von vier Dosen von radioaktivem Jod)
In den 1940er Jahren galten alle Patienten mit metastasiertem Krebs als todgeweiht; so dass zu der damaligen Zeit eine Heilung eines Todkranken - mit multiplen Metastasen! - durch simples Trinken einiger Lösungen I-131 tatsächlich (und zu Recht) etwas von "Wunder- Heilung" an sich hatte.

Die neue Therapieform war bis zum Ende des 2. Weltkriegs noch nicht sehr weit verbreitet, weil die Isotopenproduktion für zivile Zwecke gering war (die USA konzentrierten in dieser Zeit alle Ressourcen auf die militärische Nutzung der Nukleartechnologie - 1942 standen sie gerade in der Mitte des 2. Weltkrieges); erst ab 1946, nach Ende des Krieges, wurde I-131 (zuvor "Nebenprodukt" aus der Kernspaltung von U-235 im Rahmen des Manhattan Projekts während des Krieges) erstmals in größeren Mengen auch für medizinische Zwecke verfügbar.
I-131 wurde (als Kernspaltprodukt von Uran 235) in größeren Mengen zunächst im Oak Ridge National Laboratory, Oak Ridge, Tennesse, hergestellt und an medizinische Einrichtungen geliefert.
Ab 1946 wurden in den USA innerhalb weniger Jahre hunderte Patienten mit Schilddrüsenüberfunktion und Schilddrüsenkrebs mit I-131 therapiert.

Eine neue Therapieform für Schilddrüsenkrankheiten war geboren!

4) Die Anfänge - Von Amerika nach Europa

Wie um viele bedeutende Ereignisse - wie um Mr. B.B. und Dr. Seidlin in New York - ranken sich auch um die erste RJT in Europa Legenden.

Wie hat sich die 1. RJT in Europa wirklich zugetragen?
Der Autor kennt die wahre Geschichte - buchstäblich aus erstem(r) Mund/Hand:
Die erste Radiojodtherapie in Europa wurde 1948 im Aachener Luisen-Hospital durchgeführt, von Cuno Winkler (1919 - 2003). Winkler wollte einen Patienten mit metastasiertem Schilddrüsenkarzinom mit I-131 behandeln. Das I-131 hatte er beim britischen Atomenergiezentrum in Harwell bestellt (seit 1946 war Harwell, Oxfordshire, Standort für das Atomic Energy Research Establishment der britischen Regierung). Die 10 mCi I-131 kamen auch problemlos per Luftfracht nach Frankfurt/Main und per Bahn nach Aachen. Dort holte Winkler das Paket mit seinem Moped (einer Hecker 125 ccm) persönlich vom Bahnhof ab; mit Klebeband, Schnüren und einem Hosengürtel wurde die Kiste auf dem Moped befestigt. Aufgrund einer starken Steigung kurz vor dem Krankenhaus musste Winkler das Moped schließlich schieben; dies weckte die Aufmerksamkeit der örtlichen Polizei, sie griff ihn auf und verhaftete ihn vorübergehend; nach Erläuterung des Sachverhalts und aufgrund des außerordentlichen Anlasses kooperierte die Polizei schließlich mit ihm, setzte sogar zeitweilig die Straßenverkehrsordnung außer Kraft und dienstverpflichtete zwei Passanten kraft Amtsautorität zur Transporthilfe für Winkler. (7)
So kam die erste RJT in Europa in Gang - ein wenig holprig.

Im Frühjahr 1950, anlässlich des 56. Internistenkongresses in Wiesbaden, berichtete Winkler über die erste I-131-Behandlung in Europa. (8) 1972 wurde Winkler Ordinarius für Nuklearmedizin in Bonn - und damit einer der ersten Lehrstuhlinhaber für Nuklearmedizin in Deutschland. Winkler wurde 1985 emeritiert, 1986 kam der Autor dieses Beitrages an Winklers Klinik - als Oberarzt unter seinem Nachfolger (Biersack). Bis zu meinem Ausscheiden aus der Bonner Klinik im Jahr 1994 habe ich Winkler in vielen Begegnungen innerhalb der Klinik (er hatte ein Emeritus Zimmer), und nach Feierabend oft auch außerhalb der Klinik - in mancher Bonner Kneipe und Restaurant - gut kennen gelernt.

5) Gleicher Ort - 40 Jahre danach

1988, 40 Jahre nach der historischen, ersten europäischen Radiojodtherapie fand ein Kongress der Deutschen Gesellschaft für Nuklearmedizin in Aachen statt. Dort hielt Winkler einen stürmisch bejubelten Vortrag zur Geschichte der Nuklearmedizin in Deutschland - natürlich war auch die Anekdote mit dem Moped dabei. (9)

6) Das Moped, der Hubschrauber und die Radiojodtherapie

Cuno Winkler hat nicht nur die erste RJT in Deutschland und Europa durchgeführt. Er hat auch eine sehr prominente Person der Zeitgeschichte mit Radiojod behandelt. 1972/73 erkrankte der spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt (*1918) an einer Immunhyperthyreose vom Typ Morbus Basedow. Winkler behandelte ihn.
Ich kann mich noch gut erinnern, wie Winkler davon erzählte, dass er bei ambulanten Terminen Schmidts in der Bonner Klinik immer eine Partie Schach mit ihm spielte, und dass sie - neben den medizinischen Inhalten - lange Gespräche über vielfältige Themen führten, während Soldaten des Bundesgrenzschutzes, mit Maschinenpistolen bewaffnet, den Eingang bewachten. Da die stationäre RJT aus Sicherheitsgründen im Bundeswehrkrankenhaus durchgeführt werden musste, holte ein Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes Winkler und seine Assistentin im Hof der Klinik ab und flog ihn nach Koblenz - Winkler hatte die erforderliche Menge Radiojod im Gepäck; an dieser Stelle der Geschichte erzählte Winkler seinen Zuhörern gerne die Geschichte mit dem Moped - und welche Bedeutung die RJT - in den knapp 25 Jahren seit ihrer Einführung - in der Medizin erlangt hatte:
1948 war das Transportmittel für das Radiojod noch sein eigenes Moped, 25 Jahre später war es ein Hubschrauber des Grenzschutzes
- und sein Patient war Helmut Schmidt.

Er und Schmidt, so erzählte mir Winkler, hatten neben der Arzt-Patienten Beziehung auch eine persönliche Freundschaft entwickelt, die über das Ausscheiden beider aus dem Amt (Schmidt: 1982, Winkler: 1985) hinaus anhielt. Winkler war 1919 in Königsberg, ganz in der Nähe von Kants Haus, geboren worden und hatte - wie er selbst zugab: wegen Kant und Königsberg - bereits früh ein starkes Interesse an Philosophie entwickelt, aber auch an Literatur, Kunst und Geschichte und war ein sehr gebildeter Mann mit vielen Interessen, genau wie Schmidt.

Weshalb erwähne ich das?

1997 gründete mein ehemaliger Praxispartner, Peter Pfannenstiel, die Schilddrüsenliga Deutschland e. V.; die Schilddrüsenliga sollte ein Dachverband für Selbsthilfegruppen von Schilddrüsenkranken in Deutschland werden und diese unterstützen. Pfannenstiel wünschte sich, um die Bekanntheit der Schilddrüsenliga zu steigern, eine prominente Person mit einer Schilddrüsenerkrankung als Ehrenmitglied.
Mir fiel sofort Helmut Schmidt ein - und Cuno Winkler, der ihn ja gut kannte. Da ich selbst im Lauf der Jahre ein gutes Verhältnis zu Winkler entwickelt hatte, fiel es mir leicht, ihn zu fragen, ob er Schmidt für das Projekt gewinnen könnte. Es dauerte nur wenige Tage, bis mir Schmidt - über Winkler - sein Einverständnis übermitteln lies. (11)
Der bekannteste Patient, der mit I-131 behandelt wurde, war der frühere US-Präsident George Bush senior, Anfang der 1990er Jahre; genau wie Schmidt 20 Jahre zuvor, litt er an einer Immunhyperthyreose; innerhalb einer kurzen Zeitspanne erkrankte auch seine Frau Barbara an der Basedow Hyperthyreose.
Die Wahrscheinlichkeit, dass 2 Familienmitglieder diese eher seltene Erkrankung entwickeln, ist ohnehin schon sehr gering; als aber auch der Hund der Bushs (Millie) - ebenfalls in zeitlich engem Abstand - eine Immunhyperthyreose entwickelte (Hunde bekommen diese Erkrankung nur äußerst selten) - schaltete sich der Geheimdienst ein (kein Witz).
Agenten des Secret Service entnahmen Wasserproben aus dem Weißen Haus, Camp David, und Bush´s Privathaus. Untersucht wurden die Proben auf Substanzen, die das Entstehen der Autoimmunkrankheiten des Ehepaars Bush samt Hund begünstigen hätten können, also vor allen Dingen Jod. (14)
Das Ergebnis ist nicht bekannt (wie auch, war ja der Secret Service) - auch nicht, ob ein Anschlag vermutet wurde.

7) Der Nobelpreis und die Familie Curie

Keine andere Familie hat so viele Nobelpreise auf sich vereint, wie die Mitglieder der Familie Curie, nämlich 6:

Marie Curie (1867 - 1934)

Verheiratet mit
Pierre Curie (1856 - 1906)

Ihre Töchter
Irene Curie Joliot (1897 - 1956)

Verheiratet mit:
Frederic Joliot (1900 - 1958)

Eve Denise Curie Labouisse(*1904)

Verheiratet mit:
Henry Richardson Labouisse (1904 - 1987)

Marie Curie wurde als Maria Sklodowska in Warschau geboren. Sie studierte Physik und Chemie an der Pariser Universität Sorbonne. 1895 heiratete sie den Physiker Pierre Curie (6). Als erste Frau wurde sie 1906 in der Nachfolge ihres Mannes (er starb 1906 bei einem Verkehrsunfall) Professorin für Physik an der Sorbonne. 1922 wurde sie als erste Frau Mitglied der Pariser Academie de Medicine.
Ihr zu Ehren wurde das chemische Element mit der Ordnungszahl 96 als "Curium" benannt (1944).

Marie Curie war eine außergewöhnliche Frau:
1903 erhielt sie als erste Frau überhaupt - zusammen mit ihrem Ehemann - einen Nobelpreis, den für Physik, für ihre Arbeiten über die natürliche Radioaktivität "als Anerkennung des außerordentlichen Verdienstes, den sie sich durch ihre .... Arbeiten über die von Antoine ...Bequerel entdeckten Strahlungsphänomens erworben hatten."

1911 erhielt sie einen weiteren Nobelpreis, diesmal für Chemie, "als Anerkennung des Verdienstes, den sie sich um die Entwicklung der Chemie erworben hat, durch die Entdeckung der Elemente Radium und Polonium......"

Ihre Tochter, Irene Curie-Joliot und ihr Schwiegersohn, Frederic Joliot, erhielten 1935 ebenfalls den Nobelpreis für Chemie; beide waren Assistenten an dem 1914 von Marie Curie gegründeten "Institut du Radium"; beide setzten Marie Curies Forschungen auf dem Gebiet der Radioaktivität fort; Irene Curie-Joliot und Frederic Joliot entdeckten 1934 die künstliche Radioaktivität, die wesentliche Grundlage für das spätere klinische Fach "Nuklearmedizin", inklusive der Radiojodtherapie.

8) Der Nobelpreis und die Frauen der Familie Curie

Die Einzigartigkeit der Leistungen der weiblichen Mitglieder der Familie Curie, Mutter Marie und Tochter Irene Curie, wird in ihrer ganzen Tragweite erst deutlich, wenn man folgende Zahlen betrachtet:

  1. Von 1901 bis heute wurden nur 5 Preise in Chemie und Physik an 4 Frauen verliehen. 3 von den 5 Preisen gingen an die Frauen Curie.
  2. Von 1901 bis heute gab es nur 3 Frauen (bei 146 Preisträgern), die den Nobelpreis für Chemie erhielten:
    - Marie Curie (1911), Irene Curie (1935) und Dorothy Crowfoot Hodgkin (1964)
  3. Von 1901 bis heute gab es nur 2 Frauen (bei 175 Preisträgern), die den Nobelpreis für Physik erhielten:
    - Marie Curie (1903) und Maria Goeppert-Mayer (1963).
  4. Unter den 758 bislang an Personen vergebenen Preisen aller Kategorien sind (nur) 33 weiblich.
  5. Es gibt nur 4 Personen, die 2 Nobelpreise erhielten.
    Zwei dieser 4 Personen erhielten den Preis zweimal in einer Kategorie:
    John Bardeen (1956: Physik; 1972: Physik) und Frederick Sanger (1958: Chemie; 1980: Chemie)
  6. Es gibt nur 2 Personen, die 2 Preise in verschiedenen Kategorien erhielten:
    Linus Pauling (1954: Chemie; 1962: Frieden) und Marie Curie (1903: Physik; 1911: Chemie)
    Linus Pauling ist die einzige Person, die einen Preis zweimal ungeteilt erhalten hat.

Es gibt es nur 1 Person, die jeweils einen Preis in zwei unterschiedlichen naturwissenschaftlichen Fächern - einer traditionellen Männerdomäne!!- erhalten hat: Marie Curie.

9) Der Nobelpreis und die Radiojodtherapie

Dass auch die diagnostische und therapeutische Anwendung der Radioaktivität in der Medizin einen herausragenden Platz einnimmt, wird an folgenden Zahlen deutlich:
Die Gesamtzahl der Wissenschaftler, die in irgendeiner Form zur Forschung/Entwicklung/klinischen Anwendung der Radioaktivität in der Medizin beigetragen haben und die dafür mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden, beträgt 26; allein im Zeitraum von 1901 bis Anfang der 1940er Jahre (erste Radiojodtherapie) waren es 19.

10) Die Französische Republik und die Familie Curie

Die zweite Tochter der Curies, Eve, ging andere Wege als ihre Familie, keine naturwissenschaftlichen. Sie wurde Schriftstellerin, Journalistin und Konzertpianistin. Vor knapp 70 Jahren, im Jahr 1937, schrieb sie eine Biographie über ihre Mutter, die in viele Sprachen übersetzt und ein Welterfolg wurde. Das Buch wird heute noch verlegt. (6) Die 1904 geborene Eve heiratete 1954 im Alter von 50 Jahren den Amerikaner Henry R. Labouisse (US Botschafter in Frankreich von 1951 - 1954, später langjähriger Exekutivdirektor der UNICEF; 1965 nahm er für UNICEF den Friedensnobelpreis entgegen).
51 Jahre später (im Juli 2005; ziemlich genau 71 Jahre nach dem Tod ihrer Mutter) wurde Eve Curie in einer Feierstunde im UNICEF Gebäude in New York von Frankreichs Botschafter bei der UN der Orden der Französischen Ehrenlegion verliehen, die höchste Auszeichnung der Französischen Republik; Eve Curie ist mittlerweile 102 Jahre alt und lebt in New York. (10)
Eine weitere - posthume - Ehre wurde ihren Eltern zuteil: im April 1995 (93 Jahre nach Entdeckung des Radiums) wurden die sterblichen Überreste von Marie und Pierre Curie auf Veranlassung des französischen Staatspräsidenten François Mittérand (1916-1996) kurz vor Ende seiner Amtszeit) im Rahmen einer feierlichen Zeremonie in das Panthéon nach Paris überführt.

Literatur

  1. Feld M, De Roo M: Geschichte der Nuklearmedizin in Europa. Stuttgart, F. K. Schattauer, 2000
  2. Hertz S, Roberts A: Application of radioactivity iodine in therapy of Graves´ disease. J Clin Invest 1942; 21:624
  3. Hertz S, Roberts A, Evans, RD: Radioiodine as an indicator in the study of thyroid physiology. Proc Soc Exp Biol Med 1938; 85: 510
  4. Hamilton JG, Soley MH: Studies in iodine metabolism by use of a new radioactive isotope of iodine. Am J Physiol 1939; 127: 557
  5. Seidlin SM, Marinelli LD, Oshry E: Radioactive iodine therapy: effect on functioning metastases of adenocarcinoma of the thyroid. JAMA 1946; 132: 838
  6. Curie E: Madame Curie. Eine Biographie. Frankfurt, Fischer, 1999
  7. Winkler C: The first shipment of Radio-Iodine to Aachen. History of Nuclear Medicine in Europe. Budapest 1987: 6
  8. Winkler C: Radioaktives Jod zur Behandlung bösartiger Schilddrüsengeschwülste. Verh Dtsch Ges Inn Med 1950; 56: 180
  9. Winkler C: Nuklearmedizin in Deutschland: Ein Rückblick auf die Anfänge. Festvortrag anlässlich der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Nuklearmedizin am 21./22. März 1988 in Aachen. Nucl Med 1989; 28: 1
  10. www.unicef.org/people/people_27647.html
  11. www.schilddruesenliga.de (Button: "Organisation")
  12. www.parisrama.com
  13. Siegel E. The beginnings of radioiodine therapy of metastatic thyroid carcinoma: a memoir of Samuel M. Seidlin, M.D. (1895-1955) and his celebrated patient. Cancer Biother Radiopharm 1999; 14: 71
  14. www.doctorzebra.com/prez/g41.htm
  15. www.curie.fr/fondation/index.cfm/lang/_fr.htm
  16. www.curie.fr/home/actualites.cfm/lang/_fr/id/257.htm

 

(C) 2006 Prof. Hotze