
08.09.2006
Nach einer Veröffentlichung des Robert-Koch-Instituts sind in Deutschland 70% der erwachsenen Männer und 50% der Frauen übergewichtig oder adipös. (1)
Nun scheint es Hoffnung auf Besserung zu geben, denn es gibt wirklich etwas Neues im Kampf gegen das Übergewicht.
Seit September 2006 ist ein neues Medikament zur Behandlung der Adipositas
(Fettsucht) auf dem Markt - mit dem Handelsnamen: Acomplia®
und dem Wirkstoff Rimonabant (PZN (Pharmazentralnummer): 6965810)
Rimonabant ist ein so genannter Typ 1 Cannabinoid Blocker (CB1-Blocker) und
blockiert die CB1 Rezeptoren (Rezeptoren sind winzige "Emfpangsstationen").
An die CB1 Rezeptoren bindet das Rauschmittel Cannabis, daher "Cannabinoid-Rezeptor".
Seit langem ist bekannt, dass Cannabis (besser bekannt als Haschisch) den
Appetit anregt. (2)
Die CB1 Rezeptoren und körpereigene Cannabinoide sind - zusammen mit Leptin
(wird im Fettgewebe gebildet) - an der Regulation des Appetits beteiligt. Cannabinoide
steigern, Leptin senkt den Appetit, d.h. dicke Menschen mit mehr Appetit verhalten
sich so, als ob sie Haschisch konsumieren würden - der Ausdruck "Fettsucht"
enthält also nicht zu Unrecht den Bestandteil "Sucht".
Rimonabant blockiert nun die Wirkung des "körpereigenen Cannabis", u. z.
erfolgreich.
In groß angelegten Studien (RIO - Rimonabant in Obesity) wurden in den USA und
Europa in vielen Zentren Adipöse unter Behandlung mit Rimonabant (Kontrollen
mit Plazebo) untersucht. (3,4)
Ein Jahr lang mit 20 mg Rimonabant behandelte Übergewichtige verloren im Durchschnitt
8,6 kg Gewicht, das HDL Cholesterin ("gutes Cholesterin") stieg um 27%, die
Triglyeridwerte gingen um 10% zurück, und der Taillenumfang reduzierte sich
durchschnittlich um 8,5 cm.
Auch die Insulinresistenz verbesserte sich: Rückgang der Insulinproduktion im
oralen Glukosebelastungstest: 11 µIU/ml.
Außerdem hilft Rimonabant bei der Nikotinentwöhnung - es verhindert die bei
vielen Rauchern gefürchtete Gewichtszunahme nach der Aufgabe des Rauchens.
Es scheint sich also tatsächlich um ein "Wundermittel" zu handeln, denn erstmalig steht ein Wirkstoff zur Verfügung, der eine kausale (ursächliche) Wirkung auf das metabolische Syndrom (Übergewicht, Zucker- und Fettstoffwechselstörung) besitzt.
Die Nebenwirkungen sind - nach den Studienergebnissen - gering: nur in seltenen Fällen: Übelkeit und Durchfälle.
Die Behandlung ist indiziert - und muss von der Krankenversicherung übernommen werden - bei Patienten mit einem BMI* von > 30 oder bei einem BMI > 27, wenn zusätzlich ein oder mehrere Risikofaktoren bestehen (z. B. Diabetes, Fettstoffwechselstörung).
Die Therapiekosten betragen ca. € 2,8 pro Tag.
*BMI = Body Mass Index (= Gewicht in kg/ Körperhöhe zum Quadrat)
Der BMI berechnet sich aus dem Verhältnis des Gewichts zur Körperhöhe nach folgender
Formel:
- Gewicht in kg geteilt durch Körperhöhe zum Quadrat (m2) -
Beispiel: 1,75 Meter Körperhöhe, 75 kg Gewicht:
Körperhöhe zum Quadrat: 1,75m x 1,75m = 3,0625 m2
Gewicht = 75 kg geteilt durch 3,0625 = 24.49
Normalbereich des BMI nach WHO** (= Normalgewicht): 20 - 25
Übergewicht: BMI von 26 - 29
Adipositas (Fettsucht): BMI > 30
** WHO = World Health Organization (Weltgesundsheitsorganisation)
PS:
Die Einnahme von AcompliaR ist natürlich kein "Freibrief" dafür, falsche Ernährungs-
und Bewegungsgewohnheiten beizubehalten. Eine nachhaltige Gewichtsreduktion
erfordert selbstverständlich auch eine Änderung falscher Essgewohnheiten und
die Steigerung des Kalorienverbrauchs durch Erhöhung der körperlichen Aktivität
(mehr Bewegung, Sport).
PS 1:
Zum Schluss noch etwas zum Schmunzeln: Ein Münchner Radiologe, dem ein "XXL
Schwergewicht" zu einer Kernspintomographie zugewiesen wurde, wird in einem
Webinterview wie folgt zitiert: "Den kriegen wir bei uns nicht rein. Aber in
der Tierklinik könnte es gehen."
So kam der Patient auf eine etwas andere "Patienten" - Warteliste - zusammen
mit Kühen und Pferden. (5)
Was bei uns noch grotesk anmutet, ist - wie könnte es anders sein - in den USA
längst Realität (die allerdings - nach seriösen Schätzungen - spätestens in
10 Jahren auch hierzulande Einzug halten wird).
Auch die Medizinindustrie hat schon reagiert: die Firma Siemens wirbt für ihren
neuen Kernspintomographen "Magnetom Espree"mit dem Satz:
"Gleichzeitig ist der Magnetom Espree der derzeit einzige 1,5-Tesla-Scanner,
der besonders für adipöse Patienten ausreichend Raum bietet."(6)
PS 2: Acomplia® wird von sanofi-aventis hergestellt. (7,8)
(C) 2006 Prof. Hotze