Newsletter 12/2006

Hat die Verbesserung der Jodversorgung (durch jodiertes Tierfutter, vermehrte Verwendung von Jodsalz) zu einer Zunahme der Autoimmunthyreoiditis (AIT) und damit der Zahl nicht entdeckter, latenter oder manifester Schilddrüsenunterfunktionen geführt?

Diese Frage wird häufig von Betroffenen gestellt.
Wenn dies tatsächlich zuträfe, hätte die vermehrte Zufuhr von Jod epidemiologisch neben den Vorteilen (Rückgang der Strumahäufigkeit, Rückgang der Schilddrüsenknoten, Rückgang der Autonomie) auch Nachteile, so zusagen eine "Schattenseite", nämlich eine zunehmende Zahl von Menschen mit Gewichtsproblemen aufgrund einer unentdeckten Unterfunktion der Schilddrüse - und auch einer zunehmenden Zahl von Frauen mit ungewollter Kinderlosigkeit (s. Newsletter 10/2006).
Das Thema Jod und Gesundheit wird hierzulande seit vielen Jahren kontrovers diskutiert, es gibt vehemente Gegner(1) und Befürworter (Arbeitskreis Jodmangel((2).

Offenbar scheint die Schilddrüsenfunktion ein wichtiger Faktor für das Körpergewicht zu sein, wichtiger als bislang vermutet - das Thema "Gewicht" ist in den USA ohnehin von äußerster Wichtigkeit.
Im letzten Newsletter (11/2006) unserer Praxis haben wir das am Beispiel eines Beitrages von Mary Shomon (Herausgeberin eines Schilddrüsen Newsletters in den USA) gezeigt.
Im neuesten NL von Mary Shomon (3) geht es noch mal um das Thema "Gewichtszunahme und Schilddrüsenunterfunktion."
Titel des Beitrages von Shomon: "Can Even Slight Fluctuations in TSH Affect Your Weight?" - "Können bereits geringe Schwankungen des TSH Ihr Gewicht beeinflussen?"

Bezugspunkt ist eine Studie an 4600 Personen (4), bei denen der Zusammenhang zwischen TSH und BMI untersucht wurde, und - um es vorwegzunehmen, ein klarer Zusammenhang zwischen Höhe des TSH und des Gewichts nachgewiesen wurde.

Die Studie zeigt eine klar positive und hochsignifikante (p < 0.001) Korrelation zwischen BMI und TSH: der BMI steigt an, wenn der TSH-Wert steigt. Ferner ergab sich eine klar negative und hochsignifikante Korrelation (p < 0.001) zwischen BMI und FT4: je höher FT4, desto geringer der BMI.
Selbst innerhalb des (alten) "Normbereichs" des TSH zeigt sich, dass diejenigen Personen am oberen Rand (TSH bei 4.5) durchschnittlich 6 kg mehr wiegen als Personen mit einem TSH am unteren Normbereich (0.28).
Die Autoren (4) schlussfolgern, dass selbst leicht erhöhte TSH Werte deutlich mit einer Zunahme an Adipositas assoziiert sind.
Die Schilddrüsenfunktion hat - interessanterweise - den gleichen Effekt auf den BMI wie körperliche Aktivität.
Die Autoren (4) schlussfolgern ferner, dass Unterschiede des TSH innerhalb des Normbereichs mit Unterschieden des BMI assoziiert sind. Da geringe Unterschiede in der Schilddrüsenfunktion häufig sind, hat die Schilddrüsenfunktion insgesamt einen großen Einfluss auf die Häufigkeit der Adipositas in der Bevölkerung.

Hashimoto Thyreoiditis auf dem Vormarsch?

Die häufigste Ursache für eine Schilddrüsenunterfunktion ist die Autoimmunthyreoiditis vom Typ Hashimoto (AIT). Hierzu gibt es einen interessanten Beitrag von Prof. Dr. R. Gärtner (München). In der neuesten Ausgabe der Zeitschrift THY (eine Art "Hauszeitschrift" der Fa. Sanofi Aventis (5)) wird ausführlich ein bereits 2005 publizierter Beitrag von Gärtner zitiert; der Beitrag von Gärtner ist veröffentlicht in der Zeitschrift "Der Hausarzt" und im Online Magazin "Infoline Schilddrüse" (6).

Gärtner will von einer Zunahme der Häufigkeit der AIT in Deutschland nichts wissen. Er argumentiert, dass die von einigen Ärzten empfundene "Zunahme" (Gärtner setzt das Wort Zunahme immer in Anführungszeichen) an einer Verfeinerung der Diagnostik liege.
Zitat: "Heute wird eine AIT durch Ultraschall und Antikörpertest schon erkannt, ohne dass eine manifeste Hypothyreose vorliegt, also 10 - 20 Jahre vor Ausbruch der klinisch manifesten AIT mit Hypothyreose."
Zu den Ursachen der AIT schreibt Gärtner: " ....genetische Disposition dazu .....(etwa 18% der Frauen, 2% der Männer). Auslöser der AIT ............sind: Stress, Hormonschwankungen (nach Entbindungen, periklimakterisch) oder virale Infekte."
Zum Thema Jod lesen wir: "Durch Jodsalz-Konsum wird Sicherheitsgrenze nicht überschritten." Und "Nach den Empfehlungen .......der Kommission der EU wird eine obere Grenze der Jodaufnahme von 500 µg festegelegt, bei der mit ausreichender Sicherheit keine Schilddrüsen- oder andere Erkrankungen ausgelöst werden................Die maximale Kochsalzaufnahme pro Tag beträgt im Schnitt etwa neun Gramm, das entspricht, wenn alles jodiert wäre, genau 180 µg, also dem was man unbedingt braucht, um keine Jodmangelkrankheit zu bekommen."
Dass ein beträchtlicher Anteil Jod auch aus anderen Quellen als Jodsalz (Milch, Fleisch, Eier: über jodiertes Tierfutter) stammt, wird im gesamten Beitrag nicht erwähnt.

Aber Gärtner muss es schließlich wissen, er ist nicht irgendwer, sondern immerhin stellvertretender Sprecher des Arbeitskreises Jodmangel (AKJ (2)) Der AKJ ist ein Zirkel handverlesener Wissenschaftler und kämpft unermüdlich für die Verbesserung der Jodversorgung der Bevölkerung.

Etwas weiter im Text lesen wir,
Zitat: "Nach den letzten Erhebungen der WHO haben weltweit immer noch 20 Milliarden Menschen eine Jodmangelerkrankung,,,," (Hervorhebung durch den Autor). Hier übertreibt Gärtner sicher ein wenig, denn laut "CIA - The World Factbook" (7) - einem sehr zuverlässigem Internet Nachschlagewerk - liegt die Weltbevölkerung in 2006 bei gerade mal 6.5 Milliarden Menschen; da können keine 20 Milliarden an Jodmangel leiden!

Und dass der Jodmangel in Europa 59% der Bevölkerung betrifft, wie etwas später zu lesen ist, stimmt auch nicht ganz, es sind nur knapp 50% und die leben nur in einem milden Jodmangel.

Die WHO (Department of Nutrition (8)) hat für 2003 folgende europäische Länder als "optimal bezüglich der Jodversorgung" eingestuft:

Deutschland (80 Mio.)
Spanien (40 Mio.)
Niederlande (16.5 Mio.)
Tschechien (10 Mio.)
Serbien (9.4 Mio.)
Österreich (8 Mio.)
Schweiz (7.5 Mio.)
Bulgarien (7.4 Mio.)
Slowakei (5.5 Mio.)
Finnland (5 Mio.)
Kroatien (4.5 Mio.)
Mazedonien (2 Mio.)
Montenegro (0.6 Mio.).
Summe der Einwohner: 196 Mio. (= ca. 52%)

Folgende Länder wurden von der WHO als "Mild iodine deficiency" (leichter Jodmangel) eingestuft:

Frankreich (61 Mio.)
Italien (58 Mio.)
Polen (38 Mio.)
Belgien (10 Mio.)
Baltische Staaten (6 Mio.)
Dänemark (5.5 Mio.)
Republik Irland (4 Mio.).
Summe der Einwohner: 182 Mio.(= ca. 48%)

Nach den verfügbaren Daten (von England, Norwegen, Schweden, Portugal, Griechenland wurden keine Daten publiziert) leben damit ca. 48% der Europäer in Gebieten mit mildem Jodmangel, aber bereits die Mehrheit der Europäer in Gebieten mit optimaler Jodversorgung.

Literatur/Quellen

(1) http://www.jod-kritik.de

(2) http://www.jodmangel.de/intern

(3) http://thyroid.about.com/od/hyperthyroidismgraves/a/graveshyper101.htm?nl=1

(4) Knudsen N, Laurberg P, Rasmussen LB, Bülow I, Perrild H, Ovesen H, Jorgensen T: Small Differences in thyroid function may be important for Body Mass Index and the occureence of obesity in the population. J Clin Endocrinol Metabol; May 2005: online

(5) Hashimoto Thyreoiditis auf dem Vormarsch? THY 2/2006

(6) Gärtner R: Diskussion um Verbindung AIT und Jod ist Perpetuum Mobile. http://www.infoline-schilddruese.de/ils/content/index.jsp;jsessionid=28CEBEADDDEA320796F7081472FD8975

(7) https://www.cia.gov/cia/publications/factbook/geos/xx.html

(8) http://whqlibdoc.who.int/publications/2004/9241592001.pdf

(C) 2006 Prof. Hotze