
"Unter Berücksichtigung ..(der).nicht unerheblichen - vor allem kardialen - Risiken einer nicht indizierten Levothyroxinsubstitution wird vorgeschlagen, die seit Jahren gültige und bewährte Obergrenze des TSH-Referenzbereichs von 4,0 mU/l nicht leichtfertig zu senken." (Hervorhebungen durch den Autor)
Der Satz stammt aus einem Artikel von Brabant und Kahaly aus dem Jahr 2005 (1), veröffentlicht in einer angesehen Deutschen Fachzeitschrift für Nuklearmedizin.
Der verwunderte Leser reibt sich überrascht die Augen: von Deutschen Schilddrüsenexperten wird vor einer Absenkung des Referenzbereiches für TSH (3) gewarnt?
Der Beitrag ist (leider) kein Aprilscherz und auch keine einmalige Aktion - wie folgendes Zitat belegt:
"...there is...insufficient justification to lower the upper normal limit of TSH .............it is still recommended to maintain the TSH reference interval of 0.4 - 4.0 mU/l. …..intervening with thyroxine treatment is probably doing more harm than good." (Hervorhebungen durch den Autor)
So endet die Zusammenfassung eines aktuellen Artikels, ebenfalls von Brabant - publiziert im European Journal of Endocrinology, im Jahr 2006.
Was ist da los?
Noch vor kurzem schien es so, als dass der TSH Referenzbereich nach unten korrigiert worden sei, von 4, 5mIU/l auf "offiziell" 3mIU/l, u. z. von zwei wichtigen Amerikanischen Fachgesellschaften. Das hatte auch seinen guten Grund: die Daten des National Health and Nutrition Examination Surveys (NHAMES) umfasste eine Stichprobe 17000 Probanden (5), wobei strikt darauf geachtet wurde, dass keine Personen aufgenommen wurden, bei denen Schilddrüsenantikörper (TPO AK, Tg AK, TSH R AK) nachweisbar waren. Die strengere Selektion der Probanden für den Normbereich war längst überfällig: denn genau das war bei der Ermittlung des alten TSH Referenzbereichs nicht geschehen, so dass eine unbekannte Zahl von Probanden mit Hashimoto Thyreoiditis und beginnender Hypothyreose die ältere Stichprobe "kontaminiert" und den Referenzbereich fälschlicherweise nach oben verzerrt haben. Dass der neue, niedrigere Referenzbereich (mit klarer definierter Stichprobe) genauer sein muss, leuchtet jedem sofort ein.
Was also bezwecken die Autoren (die im Übrigen natürlich genau wissen, dass und warum der alte Normbereich falsch hoch ist)?
Betrachtet man die beiden Beiträge etwas genauer und achtet auch auf die Wortwahl, so erinnert diese einen ein wenig an den von Politikern oder Lobbyisten, also Leuten mit der Profession, die Meinung anderer Menschen zu beeinflussen:
Begriffe und Phrasen wie: "insufficient justification", "intervening with thyroxine …is. doing...more harm than good" "nicht unerhebliche Risiken", "nicht indizierten", "bewährte Obergrenze", "leichtfertig" - sind für sich alleine genommen ohne inhaltlichen Wert; sie sollen aber etwas suggerieren und haben eigentlich in Texten von Wissenschaftlern nichts zu suchen. Entweder die Absenkung des Normbereichs beruht auf Fakten, dann ist sie OK, oder die Autoren legen Gegenbeweise vor - das allerdings tun sie nicht (weil es keine gibt). Es wird eben nicht inhaltlich - nicht auf methodischen Boden - argumentiert - sondern es wird emotionalisiert.
Die Wortwahl ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zufällig: es wird an (scheinbar) Bewährtes (Sicheres) appelliert und etwas Neues in die Nähe von etwas Gefährlichem gerückt - und dem möglichen Anwender suggeriert, er tue etwas Falsches.
Was in aller Welt soll an einer bedarfsgerechten, niedrig dosierten Schilddrüsenhormon Therapie in der Hand von Experten gefährlich sein?
Wer soll davor Angst bekommen - und Warum?
Das Wer ist schnell geklärt, das Warum ist schwieriger: Die Zeitschriften (1,2) werden hauptsächlich von Mitgliedern der entsprechenden Fachgesellschaften gelesen, also Endokrinologen und Nuklearmedizinern. Beide Fachgruppen haben mit Schilddrüsenpatienten zu tun und sind Hauptverordner von Schilddrüsenhormon. Natürlich bilden die Artikel in Fachzeitschriften auch Quellen für Sekundärpublikationen in anderen Medizin- und Laien-Medien.
Je mehr ängstliche oder Autoritäten gläubige Ärzte (niedergelassen oder in der Klinik) sich an das Geschriebene halten, desto weniger Patienten mit TSH Werten zwischen 2 und 4 und Beschwerden (denn nur Menschen mit Beschwerden gehen überhaupt zum Arzt) werden künftig die Chance einer Therapie mit Schilddrüsenhormon erhalten.
Diese Patienten müssen warten, bis ihr TSH Wert die (magische, veraltete und falsche) Zahl 4,0 überschritten hat - vorausgesetzt, es wird bis dahin nicht vergessen.
Und was ist mit den vielen Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch - mit einem TSH zwischen 2 und 4? Unsere Praxis hat Dutzende gut dokumentierte Fälle junger Frauen - z. T. mit langen Arzt-Odysseen - mit genau dieser Konstellation: kurze Zeit nach Therapiebeginn hatten alle ihren lang ersehnten Wunsch, schwanger zu werden, erreicht.
Warum sollen weniger Menschen mit Beschwerden behandelt und weniger Frauen schwanger werden?
Man könnte spekulieren, die (berechtigte) Sorge um die Finanzierung des Deutschen Gesundheitssystems könnte ein Motiv sein.
Betrachten wir zunächst die Kostensituation in den USA: dort werden z. Zt. rund 13 Millionen Menschen mit Schilddrüsenhormon therapiert. Eine Jahrestherapie mit einer mittleren Dosis L-Thyroxin (75 - 80 µg) kostet in den USA zwischen $ 108 (Generikum) und $ 168 (Originalpräparat und Markführer Synthroid®).
Der Mittelwert zwischen 108 und 168 Dollar (günstige Rechnung) beträgt 138 Dollar, multipliziert mit 13 Millionen sind das: 1794 Millionen, oder knapp 1.8 Milliarden Dollar - pro Jahr.
Die Absenkung des oberen Referenzbereich des TSH auf 2.5 - wie von der National Academy of Clinical Biochemistry (3) vorgeschlagen - hätte nach Expertenschätzungen die Zahl potenziell zu behandelnder Menschen von 13 auf 27 bis 42 Millionen nach oben schnellen lassen - natürlich verbunden mit einer linearen Steigerung der Kosten - von 1.8 auf 3.6 bis über 5 Milliarden Dollar jährlich - und lebenslang.
In Deutschland sind die entsprechenden Kosten erheblich geringer: eine Jahrestherapie mit einem Generikum (z. B. mit einer Dosis von 75 µg L-Thyroxin als Wirkstoff) kostet ca. € 50. Die Gesamtsumme der jährlich verordneten Schilddrüsenhormone belief sich 2004 auf ca. 180 Millionen Euro, also gerade mal ein 1/10 des US Marktes.
Bei Absenkung des TSH Normbereichs wären auch die Steigerungsfaktoren bei uns nicht in der gleichen Größenordnung wie in den USA, weil in Deutschland viel mehr Menschen wegen einer Struma ein Schilddrüsenhormonpräparat einnehmen; außerdem zeigte sich nach Jahren des Zuwachses im Jahr 2004 ein deutlicher Rückgang der Verordnungen - u. z. um knapp 14%. Gründe - s. u.
Eine andere Erklärung könnte sein, dass die oben zitierten Beiträge "Europäische Sprachrohre" der führenden Amerikanischen Fachgesellschaften sind. Die haben nämlich mittlerweile ihre Empfehlung, den TSH Normbereich zu senken, wieder zurückgenommen. Es handelt sich um die folgenden drei großen Fachgesellschaften:
Diese 3 Fachgesellschaften haben zum Thema: "Therapie mit Schilddrüsenhormon und TSH Referenzbereich" eine "Concensus Conference" organisiert, bei der folgendes herauskam:
"The consensus report acknowledges that the continued controversy on conventional practices is mainly due to the paucity of evidence-based data and, therefore, recommends large, randomized prospective studies to determine outcome of treatment. The report maintains that the upper limit of TSH should remain at 4.5 mIU/L, rather than 3.0-3.5 as some other organizations have suggested. The authors recommended neither routine testing for nor routine treatment of subclinical disease, a position at variance with what several medical organizations including AACE and ATA had previously published. It is clear from several published studies that subclinical hypothyroidism can result in clinical symptoms, hyperlipidemia and cardiac dysfunction. The paper states that since available data do not convincingly show clear-cut benefit from early thyroxine therapy, routine T4 treatment for patients with TSH between 4.5 and 10 mIU/L is not warranted.
This report does not support routine TSH testing in pregnancy but recognizes the need for aggressive case finding in pregnancy as well as in others at high risk for thyroid dysfunction. It suggests pregnant women or those planning to become pregnant with elevated TSH be treated with thyroxine to normalize serum TSH." (Hervorhebungen durch den Autor)
Anmerkung: Deutsche Übersetzung am Ende des Textes
Dieses "Concensus Paper" ist eine sprachliche Meisterleistung und übertrifft die eingangs zitierten Artikel um Längen: das Paper suggeriert dem ahnungslosen Leser, der alte Normbereich müsse wieder eingeführt, weil die Wirksamkeit einer L-Thyroxin Therapie bei nur gering erhöhtem TSH nicht Evidenz basiert (= höchste Anforderung an wissenschaftlichem Beweis) nachgewiesen sei. Das Zweite ist zwar richtig, hat aber mit dem Ersten nichts zu tun. Das Paper ist sprachlich gut, aber inhaltlich völliger Blödsinn.
Das Fehlen des Beweises eines Effektes einer L-Thyroxin-Therapie wird als Argument für die Beibehaltung des alten Normbereichs genommen! Die Fachgesellschaften und die "Konsensus- Männer" hätten genauso gut sagen können: neuer Normbereich (Obergrenze 2) gut - Therapie mit Schilddrüsenhormon oberhalb der neuen Obergrenze - nicht nötig, warum sagen sie: zurück zur alten Obergrenze? Noch einmal - was hat aber die obere TSH-Normgrenze und der fehlende Evidenz basierte Beweis der Wirksamkeit einer L-Thyroxin Therapie miteinander zu tun? - Nichts!
Zunächst hatten der AACE und die ATA - wie selbst zugeben - ja den oberen Grenzwert auf von 4,5 auf 3.0 - 3.5 gesenkt.
Der "Concensus Report" will jetzt sogar von einer L-Thyroxin Therapie bis zu einem TSH von 10!! - "a routine treatment.... is not warranted".... nichts mehr wissen! Begründung: keine verfügbaren und überzeugenden Vorteile einer frühzeitigen L-Thyroxin Therapie. Das ist starker Tobak.
Der "Concensus Report" geht auf inhaltliche Dinge bezüglich der Berechnung des neuen Normwertes überhaupt nicht ein und behauptet auch - wahrheitsgemäß - keineswegs, dass die Empfehlung, einen neuen Normbereich für TSH einzuführen, falsch sei. Es sagt nur, der alte obere Wert von 4 müsse beibehalten werden, weil es keine Evidenz basierten Daten zum Nutzen einer L-Thyroxin Therapie bei TSH Werten von 2- 10 gibt. .
Die Widersprüchlichkeit (und wissenschaftliche Fragwürdigkeit) des Konsensus Reports wird spätestens klar, wenn zu lesen ist, dass Schwangere und Frauen mit Kinderwunsch mit erhöhtem TSH (hier wird - bezeichnenderweise - noch nicht einmal ein Zahlenwert genannt) mit Schilddrüsenhormon behandelt werden sollten, bis das TSH normal ist. Fragt sich allerdings: wie soll denn erkannt werden, dass eine Schwangere ein erhöhtes TSH hat? Eine TSH Bestimmung soll ja - unter allen Umständen- bei Schwangeren vermieden werden ("this report does not support routine TSH testing in pregnancy")!!
Der inhaltliche Schwachsinn wird vollends deutlich, wenn man die Schlusssätze liest:
"AACE feels that the physician who has performed a comprehensive history and physical examination should decide on treatment of each individual patient ……..until adequate data are available, best practice combines clinical judgment with patient preferences."
Die AACE "glaubt", dass jeder Arzt mit seinem Patienten selbst über eine Therapie entscheiden soll. Warum dann die ganze Aufregung vorher und der Hinweis auf eine eventuelle Gefährlichkeit? Woher wissen eigentlich die Europäischen Ärzte denn das mit dem "doing more harm than good", wenn ihre Amerikanischen Kollegen noch auf Evidenz basierte Daten warten ("adequate data are not available") Sind die Deutschen Ärzte etwa Mitglieder eines Geheimordens mit verborgenem Wissen - a la "Da Vinci Code"? Und was hat das alles mit dem Normbereich zu tun? Wie sollen Schwangere therapiert und Frauen mit Kinderwunsch schwanger werden, wenn ihr Arzt ihnen gar kein Blut abnehmen soll?
Die ganze Geschichte dient eigentlich nur dazu, Ärzte, die sich an gewisse Leitlinien und Empfehlungen von Fachgesellschaften anlehnen wollen, völlig zu verwirren. Was heißt das Ganze denn im Klartext?
"Liebe potenzielle Patienten, geht wieder nach Hause - besser: bleibt gleich ganz zu Hause, denn wir behandeln euch nicht, und da wir euch nicht behandeln, brauchen wir auch keine Untersuchung bei euch zu machen! Und liebe Frauen mit Kinderwunsch, und ihr lieben Schwangeren: wir würden euch ja gerne behandeln, wenn ihr eine beginnende Unterfunktion habt, aber wir dürfen euch kein Blut abnehmen - also können wir gar nicht wissen, ob ihr eine Unterfunktion habt, und da wir es nicht wissen, können wir auch keine Entscheidung darüber treffen, ob wir euch Schilddrüsenhormon verordnen sollen!"
Nun könnte man das ganze als eine Art "Dumm-Gelaufen-Aktion" verwirrter und seniler Männer abtun, die - mit leichter Altersdemenz ausgestattet - die Sachverhalte intellektuell nicht mehr richtig auf die Reihe kriegen - ja wenn nur der "Concensus Report" dem "Sachverstand" von Gesundheitspolitikern oder wenigstens Vertretern der Versicherungswirtschaft entsprungen wäre, die ein Motiv hätten. Bedauerlicherweise kommt an dieser Stelle eine ganz schlechte Nachricht - es waren nicht nur nicht Politiker oder Versicherungsleute, sondern Ärzte, u. z. obendrein noch Ärzte, deren Spezialgebiet die Schilddrüsendiagnostik und -Therapie ist. Da bleibt einem buchstäblich die Spucke weg.
Da man annehmen muss, dass der Amerikanische "Concensus Report" und die Deutschsprachigen Beiträge (leider) nicht (nur) von "Alt(z)ersheimern" geschrieben wurde, wird die Sache nicht mehr nur allein lächerlich, sondern auch mysteriös. Welche Motive sollten Ärzte haben, anderen Ärzten ihrer Fachgesellschaft zu raten, mögliche Hilfen für Kranke (Menschen mit Beschwerden) nicht mehr zu leisten oder das Zustandekommen und den optimalen Verlauf einer Schwangerschaft nicht mehr aktiv zu unterstützen, oder ihnen sogar mit Worthülsen Angst zu machen - vom wirtschaftlichen Aspekt, der in den USA einen relativ großen Stellenwert hat, noch gar nicht zu reden. Ärzte tun so was in der Regel nicht, sie halten keine mögliche Hilfe zurück - warum auch? Im Gegenteil - in der Ausbildung wird ihnen beigebracht, jedweden medizinischen Nutzen und Fortschritt einzusetzen, u. z. zunächst ohne Beachtung der wirtschaftlichen Folgen - was in der heutigen Zeit zugegebenermaßen nicht mehr zeitgemäß ist. Der einzige Grund, dass ein Arzt (scheinbar) Hilfe verweigert oder falsche Entscheidungen trifft, ist - Unwissenheit oder Verwirrtheit aufgrund unterschiedlicher Informationen (der "Concensus Report" ist ein Beispiel für Stiftung von Verwirrung und ganz sicher kein Einzelfall). Welche Vorteile hätte er davon, wenn er absichtlich Hilfe zurückhält oder andere Ärzte dazu auffordert? Es gibt keine! Welche Motive gäbe es denn, dass Ärzte andere Ärzte der gleichen Fachgruppe auffordern, weniger als möglich zu diagnostizieren und weniger als möglich zu therapieren - zum möglichen Schaden von Patienten, und das noch mit mehr als fadenscheinigen und zusammengeschusterten Argumenten?
Es gibt eigentlich nur 3 Antworten:
Alternative 1: Die Männer an der Spitze der Fachgesellschaften haben eine (schlechte) Vision, alle anderen Mitglieder des Spitzengremiums geben ihnen - Recht. Ist in Vereinen/kleineren überschaubaren Gruppen nicht so unüblich. Der Vorsitzende hat das Wort und entscheidet, die anderen nicken ab, auch wenn Quatsch dabei raus kommt.
Alternative 2 "Modell Politbüro": Die Mitglieder des Spitzengremiums sind sich als Gruppe einig und verordnen ihren "Genossen Ärzten", weniger zu arbeiten, und auch weniger zu verdienen; sie selbst versprechen das natürlich auch, halten aber ihr Versprechen nicht - klingt nach Erich, Wandlitz und der DDR - und dem "Sozialismus - in seinem Lauf, hält weder …" usw.
Alternative 3 "Falsches Politbüro": Das "Concensus Panel" ist gar nicht das entscheidende Gremium, sondern tut nur so. In Wirklichkeit nimmt es "Wünsche" entgegen; dabei erhebt sich natürlich die Frage: von wem und mit welchem Motiv? Und - mit welchen Argumenten? Möglich ist auch eine Kombination aus 3 und 1: die Männer an der Spitze tun nur so, als hätten sie eine Vision; zusammen mit wenigen Eingeweihten setzten sie jedoch die "Wünsche" des "Auftraggebers" durch.
Zugegebenermaßen klingt 3 etwas weit hergeholt und ruft sicher einiges spöttisches Gelächter hervor. Allerdings würde es alle Widersprüche und Ungereimtheiten erklären; gleichzeitig müsste man aber das Motiv akzeptieren und die Folgen - und die Frage nach den Argumenten stellen.
Motiv und Folgen sind einfach:
Kommt uns das Letzte und Vorletzte nicht bekannt vor? Geburtenrückgänge - sie sind schon seit Jahren in der Presse - und nichts mehr Neues. Überraschend war - für mich jedoch - der Rückgang der Verordnungen an Schilddrüsenhormon um 14% - nach 10 jährigem kontinuierlichem Anstieg (von 636 Millionen definierten Tagedosen im Jahr 1994 auf 762 Millionen im Jahr 2002; im Jahr 2004 erfolgte ein Abfall auf 736 Millionen). - Übrigens: auch die Verordnung von Östrogenen (Thema Wechseljahre) ist seit 2000 zurückgegangen, u. z. um 75%!
Der Rückgang der Verordnungen von Schilddrüsenhormon hat mit hoher Sicherheit mit der Praxisgebühr zu tun - denn: eine Therapie mit Schilddrüsenhormon ist meist lebenslang, und 14% der Therapierten sind sicherlich nicht innerhalb eines Jahres gestorben. Also haben 14% der Behandelten von sich aus ihre Behandlung eingestellt. Gründe? Es ist eine relativ einfache Rechnung: der Arzt darf nur eine kleine Menge verordnen, d.h. der Patient muss jedes Quartal € 10 entrichten, um ein Rezept zu bekommen. Da er € 5 in der Apotheke zuzahlen muss, kostet ihn die kleinste abgepackte Menge € 15 - der offizielle Listenpreis liegt bei € 11, d.h. er zahlt sogar € 4 mehr als wenn er es rezeptfrei in der Apotheke kaufen könnte, selbstredend spart die Krankenkasse € 5 an Erstattung ein, was die - weiter oben berechneten - Gesamtjahreskosten in etwa halbiert; mit anderen Worten: die errechneten € 180 Millionen für die Versicherungen sind seit Einführung der Zuzahlung auf knapp die Hälfte geschrumpft, also auf ca.100 Millionen pro Jahr. Durch die Zurückhaltung der Patienten wegen der zusätzlichen Praxisgebühr sind ab 2004 nochmals 14% "Einsparung" für die Versicherungen dazugekommen, aus den 100 Millionen sind 86 Millionen geworden. Das "Gesamt-Sparpaket" für die Versicherungen beträgt also satte 100 Millionen (von 180 auf 86 Millionen), pro Jahr - und bei steigender Lebenserwartung für viele Jahre.
Einzige "Gewinner" dieses Szenarios sind also ohne Zweifel die gesetzlichen Krankenversicherungen. Eigentlich müssten sie gigantische Einsparungen - auf dem Hormonsektor - erzielt haben, trotzdem sollen für die gesetzlich Versicherten die Beiträge erhöht (geplante Erhöhung der Beiträge um 0,5%) - angeblich wegen Geldknappheit - weiter gesenkt werden - merkwürdig - oder? Wenn allein mit einem relativ preiswerten Arzneimittel durch die "Gesundheits"reform 100 Millionen pro Jahr erzielbar sind, wird einem mit Blick auf den gesamten Arzneimittelmarkt schwindlig, denn der Effekt der Zuzahlung und Praxisgebühr betrifft ja auch Hochpreis Produkte. Eigentlich müssten die Krankenkassen Milliardenbeträge pro Jahr mehr in den Kassen haben. (Angeblich) trifft genau das Gegenteil zu. Da beschleicht einen der Verdacht, dass das eingesparte Geld gar nicht für die Kranken ausgegeben wird.
Warum aber empfehlen Ärzte (zu ihrem eigenen und zum Nachteil von Patienten) später oder gar nicht zu therapieren, warum leisten gerade sie einen "Solidarbeitrag" zur Bereicherung der Krankenkassen?
Am Beispiel Schilddrüse:
Womit könnte wer die Ärzte, die den "Concensus Report" fabriziert haben und ihre europäischen "Nachahmer" überzeugt haben, diesen Beitrag zu leisten?
Leider endet hier die Möglichkeit der Recherchierbarkeit.
Die Datenerhebung in den USA zeigt einen interessanten, allerdings wenig beachteten, Nebenschauplatz: medizinische Statistiken werden in den USA immer auch nach ethnischen Gruppen getrennt, da die Prävalenz bestimmter Erkrankungen einen genetischen Hintergrund hat, der allein durch die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe bestimmt ist. Die Datenerhebung zeigt, dass die Prävalenz von Schilddrüsenantikörpern und damit auch die Wahrscheinlichkeit, eine Unterfunktion zu entwickeln, bei weißen Amerikanern (europäische Herkunft, helle Hautfarbe) sehr viel höher ist als bei Afroamerikanern (dunkle Hautfarbe, afrikanische Herkunft), und bei Frauen sehr viel höher liegt als bei Männern. Die Prävalenz einer Hashimoto Thyreoiditis liegt - auf die Gesamtbevölkerung (ca. 300 Millionen) bezogen - bei ca. 11 %. Rechnet man die männliche Bevölkerungsgruppe und alle Nicht-Weißen heraus, ergibt sich eine Rate von ca. 25% potenzieller Hashimoto Erkrankungen bei weißen Frauen, weil sich der Umfang der Stichprobe von 300 Millionen auf 130 Millionen verkleinert hat. Da das Auftreten relativ gleichmäßig über alle Altersgruppen verteilt ist, sind davon - natürlich - auch etwa ein Viertel der weißen Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch betroffen. Zieht man Daten des statistischen Bundesamtes heran, so gibt es in Deutschland in der Altersgruppe von 15 - 45 Jahren ca. 35 Millionen Menschen, das Geschlechtsverhältnis ist nahezu 1:1, so dass etwa 17 Millionen Frauen schwanger werden können. ¼ von ihnen, das sind rund 4 Millionen, sind jedoch von einer potenziellen Unterfunktion bedroht und ungewollter Kinderlosigkeit.
Deutsche Übersetzung des Englischen Textes
Der Konsensus Bericht führt die andauernde Kontroverse um konventionelle Praktiken hauptsächlich auf das Fehlen Evidenz basierter Daten zurück und empfiehlt daher groß angelegte, randomisierte und prospektive Studien, um den Erfolg der Behandlung zu bestimmen. Der Bericht beharrt, dass der obere Normbereich des TSH bei 4.5 mIU/L verbleibt, und nicht bei 3.0 - 3.5 wie einige andere Organisationen vorgeschlagen haben. Die Autoren empfehlen weder Routine Tests auf subklinische Hypothyreose noch deren routinemäßige Therapie, ein Standpunkt, der von dem abweicht, was verschiedene medizinische Organisationen einschließlich AACE und ATA zuvor publiziert haben. Aus mehreren publizierten Studien geht hervor, dass eine subklinische Hypothyreose zu klinischen Symptomen führen kann, wie Hyperlipidämie und kardiale Minderleistung. Das Papier hält fest, da die vorhandenen Daten keinen eindeutig Grenzwert bezogenen Vorteil einer frühen L-Thyroxin Therapie zeigen, dass eine routinemäßige Therapie für Patienten mit einem TH zwischen 4.5 und 10 mIU/L nicht empfohlen wird.
Der Bericht unterstützt routinemäßige TSH Bestimmungen in der Schwangerschaft nicht, erkennt aber die Notwendigkeit einer aktiven Diagnosefindung in der Schwangerschaft und in anderen Situationen mit hoher Wahrscheinlichkeit einer Fehlfunktion der Schilddrüse. Es empfiehlt daher, Schwangere oder Frauen mit Kinderwunsch und erhöhtem TSH mit Schilddrüsenhormon zu behandeln, um das Serum TSH zu normalisieren.
(C) 2006 Prof. Hotze