Newsletter 08/2006

Gesundheitsgefahr durch zuviel Jod in Kuhmilch?
Deutsche Forscher geben Entwarnung.

Die Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft (FAL) www.fal.de/ ist eine Einrichtung des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV), also eine vertrauenswürdige Institution. In einer Pressemitteilung (05/2006) vom 09.03.2006 des am FAL angesiedelten Instituts für Tierernährung erfährt der Leser in der Überschrift zum Thema Jod und Tierfutter folgendes:

"Bessere Jodversorgung durch Milch. Forscher der FAL tragen dazu bei, dass die EU-Kommission die Höchstgrenze für Jod in Futtermitteln anpasst"

Worüber hat die FAL in Bezug auf Jod und Tierfutter geforscht und wie und warum hat die EU-Kommission etwas in Bezug auf Jod im Tierfutter angepasst?

1) Von den Forschern wurde der Einfluss unterschiedlicher Jodzugaben im Tierfutter auf die Jodkonzentration in der Kuhmilch untersucht.
In einer Gruppe wurde dem Futter von Kühen 5,5 mg Jod/kg zugesetzt und der Jodgehalt der Milch gemessen. Der Jodgehalt der Milch stieg auf durchschnittlich 1215 µg/kg (1 kg entspricht 1 Liter). Eine andere Gruppe Kühe erhielt 10 mg Jod pro kg Tierfutter, dabei stieg der Jodgehalt der Milch auf 2760 µg/Liter. Wer sich unter den Zahlen nichts vorstellen kann, hier ein Beispiel: 1 Jodtablette für Schwangere enthält 100 µg; dies ist die vom Arbeitskreis Jodmangel empfohlene tägliche Menge zusätzlichen Jods während der Schwangerschaft. 1 Liter Milch von "10-mg-Jod/kg-Futter-Kühen" enthält damit das Äquivalent von ca. 28 Jodtabletten - oder anders ausgedrückt: eine Schwangere könnte mit 1 Liter Milch ihren Jodbedarf für fast einen Monat decken, mit einer täglichen "Ration" von nur ca.70 ml Milch; das entspricht etwa einem Schluck.

Grund zur Panik? Nein - denn glücklicherweise geben die Forscher, etwas weiter unten in der Pressemitteilung, Entwarnung. Dort heißt es; Zitat: "Bisher wurden in der Praxis kaum mehr als 2 mg Jod je kg Mischfutter zugesetzt. Wie die Versuche zeigten, hätte aber ein potenzielles Risiko für gewisse Bevölkerungsgruppen bestanden, wenn die bestehenden Maximalwerte ausgeschöpft worden wären. Die EU-Kommission hat auf die Ergebnisse der Wissenschaftler reagiert und die Höchstmengen für Jod in Futtermitteln halbiert. Sie betragen nun für Kühe und Legehennen 5 mg/kg. Auf Gesundheit und Leistung der betroffenen Tierarten sind durch die neuen Obergrenzen keinerlei Auswirkungen zu erwarten, da diese immer noch etwa 10fach über dem Bedarf der Tiere liegen."

Da kann man aufatmen: Sogar die Tiere bleiben gesund, auch wenn die Jodzufuhr noch etwa 10fach über ihrem Bedarf liegt.

Die EU Kommission hat in der Tat eine Verordnung erlassen, die die Höchstmenge von 10 auf 5 mg Jod pro kg Tierfutter beschränkt, u. z. im September 2005.

Bereits am 25. 1. 2005 (also schon 14 Monate vor der Pressemitteilung der FAL) lag der EU Kommission eine schriftliche Empfehlung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit vor, in der die Halbierung der Tierfutter-Jodierung empfohlen wird.

2) Das Bundesamt für Risikobewertung (oberste deutsche Behörde für Verbraucherschutz) will jedoch von zuviel Jod im Tierfutter und Gesundheitsgefährdung nichts wissen: (www.bfr.bund.de/cm/208/jodanreicherung_von_lebensmitteln_in_deutschland.pdf) Das Amt schreibt zum Thema Jodzufuhr durch tierische Nahrungsmittel : "die Bilanz der Jodaufnahme des Menschen lässt sich unter Berücksichtigung der gesetzlich festgelegten Höhe des Jodzusatzes von 10 mg/kg Futtermittel über dadurch erzeugte tierische Lebensmittel durchschnittlich um 45 µg pro Tag verbessern." (Hervorhebungen durch den Autor)

3) Daraus lässt sich folgendes ableiten: Landwirtschaftliches Bundesinstitut und Bundesamt für Risikobewertung nennen die korrekte Jodmenge pro kg Tierfuttermittel, beide kommen jedoch zu unterschiedlichen Bewertungen: Die "Landwirte" haben experimentelle Daten, die befürchten lassen, dass bei 10 mg Gefahren für den Menschen bestehen könnten. Zitat: "Damit (mit 10 mg Jod pro kg Tierfutter - Anm. des Autors) wäre schon mit einem halben Liter Milch am Tag die maximal tolerierbare Jodaufnahme deutlich überschritten". Klingt eigentlich nicht gut. Gott sei Dank ist das jedoch nicht so schlimm, wie es klingt: denn eine mögliche Gefährdung ist nur theoretisch, da, so die FAL "kaum mehr als 2mg Jod je kg Mischfutter zugesetzt" (werden);

Das oberste Bundesamt für Verbraucherschutz hingegen gibt auf anderer Ebene Entwarnung: der Gesetzgeber selbst habe unbedenkliche Höchstgrenzen verordnet, bei denen nur 45 µg Jod täglich zusätzlich durch tierische Nahrungsmittel anfallen. 45 µg mehr Jod pro Tag ist wirklich nicht viel. Die landwirtschaftlichen Forscher jedoch sagen: bei 10 mg Jod pro kg Futtermittel können 2760 µg Jod in 1 Liter Milch (und in den Verbraucher gelangen) - das ist immerhin das 61mal so viel wie die 45 µg vom Bundesamt für Risikobewertung Woran soll sich der Verbraucher halten, an die "Landwirte" oder das Bundesamt, oder an die Europäische Kommission?

4) Noch schwieriger wird es für den Laien/Verbraucher, wenn er auf eine prominente, handelnde Figur schaut. Der Präsident des Deutschen Bundesamtes für Risikobewertung ist: Prof. Dr. Dr. A. Hensel.
Sein Amt ist das mit den 45 µg.

Prof. Hensel ist auch Mitglied im Beratungsforum der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit - die Behörde, die wegen möglicher Gefährdung des Verbrauchers eine Reduzierung des Jodzusatzes von 10 mg auf 5 mg pro kg Tierfutter empfiehlt:
www.efsa.eu.int/advisory_forum/adv_members/catindex_en.html
Welchem der beiden Profs. Hensel soll der Laie glauben?

Das Deutsche Amt formuliert klar und verständlich: "Alles im Lot mit Jod." (Im übertragenen Sinn). Die Europäische Behörde hingegen sagt - in typisch umständlicher Behördensprache - in Paragraph (6) der "Verordnung (EG) Nr. 1459/2003 der Kommission….der Europäischen Gemeinschaften … .. Daher muss der Höchstgehalt von Jod-I in Futtermitteln für ….Milchkühe und Legehennen abgesenkt werden, um das Risiko schädlicher Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit zu verringern."

Fassen wir zusammen:
Eine Gefährdung durch zuviel Jod hätte - nach Einschätzung der EU - eintreten können, wenn die alte Verordnung mit 10 mg/kg Tierfutter geblieben wäre. Durch die Versuche deutscher Wissenschaftler hat die EU diese Verordnung geändert (interessanterweise schon 14 Monate vor der Veröffentlichung der deutschen Wissenschaftler), so dass jetzt 5 mg/kg Tierfutter der zulässige Höchstwert ist. Damit gelangen maximal - nach den Ergebnissen der deutschen Forscher - 1215 µg Jod in 1 Liter Milch. 1215 µg sind - um auf die Jodzufuhr bei Schwangeren zurückzukommen - ca. 12 Tabletten á 100 µg, d.h. 1 Liter Milch würde den zusätzlichen Jodbedarf einer Schwangeren für ca. 2 Wochen decken.

(C) 2006 Prof. Hotze