Newsletter 07/2006

Geschichte der Schilddrüsenhormon -Therapie

Wenn heute ein Patient eine Unterfunktion der Schilddrüse oder einer Unterversorgung mit Schilddrüsenhormon entwickelt, sei es durch eine Autoimmunthyreoiditis vom Typ Hashimoto oder nach einer ärztlich notwendigen Maßnahme (Operation, Radiojodtherapie), so nimmt er unter Aufsicht seines Haus- oder Facharztes synthetisches Schilddrüsenhormon (Verschreibungs- und Apothekenpflichtig) in Form von Tabletten ein. Anhand der klinischen Symptome und der Labordaten lässt sich bei weit über 90% der Betroffenen innerhalb von 6 -12 Wochen die individuell richtige und notwendige Dosierung zum Ausgleich der Unterfunktion herausfinden. Die Dosierung bleibt dann in der Regel über einen sehr langen Zeitraum stabil (Ausnahme: Schwangerschaft, Einnahme von Ovulationshemmern, Östrogenzufuhr bei Menopause); in der Regel reichen nach der Dosisfindung Kontrolluntersuchungen in jährlichen Abständen.

Aber wie war es früher - in einer Zeit, bevor Schilddrüsenhormon industriell hergestellt werden konnte?

Die Geschichte beginnt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als von mehreren Ärzten erkannt wurde, welche Bedeutung die Schilddrüse (genauer: das von ihr produzierte Hormon) für den menschlichen Organismus hat. Es war der Schweizer Chirurg Emil Theodor Kocher (1841 - 1917), der bei Nachuntersuchungen von ihm operierter Patienten Veränderungen feststellte (1), welche er u. a. als "kretinoides Aussehen" beschrieb (Kretinismus = angeborene Unterfunktion). Zwei Landsleute Kocher´s - ebenfalls Schilddrüsenchirurgen - die Brüder Reverdin ((Jaques-Louis Reverdin (1842-1929) und Auguste Reverdin (1848-1908)) - machten die gleiche Entdeckung wie Kocher - sogar ein Jahr vor ihm (2); die Brüder Reverdin sind im Dunkel der Vergangenheit in Vergessenheit geraten, Kocher hingegen erhielt 26 Jahre nach seiner Publikation den Nobelpreis für Medizin und blieb der Nachwelt - als "Lichtgestalt" der Schilddrüsenchirurgie - in bleibender Erinnerung (eine merkwürdige Parallele zu Ord/Hashimoto und Parry/ Graves).

Die Londoner Ärzte Sir William W. Gull (1816 - 1890) und William M. Ord (1834 - 1902) publizierten in den Jahren 1874, 1878 und 1888 Berichte über Erwachsene, die die Symptome der Schilddrüsen-Unterfunktion ohne chirurgischen Eingriff entwickelt hatten (3 - 5). - Übrigens: William M. Ord war - historisch gesehen - der erste (vor Hashimoto), der den Zusammenhang zwischen der Zerstörung der Schilddrüse durch eine lymphozytäre Infiltration (heute: Hashimoto Thyreoditis) und den klinischen Zeichen des - wie er es nannte - "Myxödems"(heute: Hypothyreose = Schilddrüsen-Unterfunktion) erkannte. - Dadurch war klar, dass sowohl die operative Entfernung der Schilddrüse als auch die Zerstörung der Schilddrüse durch das Immunsystem - Autoimmunthyreoiditis - zu den gleichen klinischen Folgezuständen führt, nämlich schwerwiegenden körperlichen und geistigen Störungen.

Dies war der Startpunkt einer fieberhaften Suche nach einer Therapieform, welche die Funktion der operativ entfernten bzw. durch das Immunsystem zerstörten Schilddrüse ersetzen konnte. Der Physiologe (Assistent der Senckenberg Stiftung, Frankfurt/Main) Moritz Schiff (1823 - 1896) experimentierte in den 1880er Jahren mit Extrakten und Transplantationen von tierischen Schilddrüsen. Er konnte tierexperimentell nachweisen, dass die Transplantation oder die Zufuhr von Schilddrüsenextrakten den tödlichen Verlauf einer kompletten Entfernung bzw. Zerstörung der Schilddrüse verhindern konnte. (6)

Im Jahr 1891 war es der Engländer George R. Murray (1865 - 1939), der als erster in einer klinischen Fallbeschreibung über die erfolgreiche Therapie der Schilddrüsen-Unterfunktion mit Extrakten aus Schafsschilddrüsen bei einem Patienten berichtete (7). Er mischte den Schafsschilddrüsenextrakt mit Gylcerin und einigen Tropfen Phenol und injizierte die Lösung einem Patienten mit "Myxödem" (Schilddrüsen-Unterfunktion) subkutan (unter die Haut). Innerhalb weniger Wochen besserte sich der Zustand des Patienten. Eine Therapie der bis zu diesem Zeitpunkt unheilbaren Krankheit war gefunden!

In den folgenden Jahren entdeckten andere Ärzte, dass eine Zufuhr des fehlenden Hormons auch durch den Verzehr von Schafsschilddrüsen möglich ist. Die übliche Dosis war eine halbe Schafsschilddrüse pro Woche - roh "serviert" und verspeist - heute eine wenig appetitliche Vorstellung!

Bereits ab 1893 konnte man in einer Londoner Apotheke diesen getrockneten Schilddrüsenextrakt kommerziell erwerben. Nachteile der getrockneten Präparate aus tierischen Schilddrüsen waren in der Anfangszeit die schlechte Standardisierbarkeit und die damit verbundene Unsicherheit einer exakten Dosierung. Außerdem enthielten die damaligen Präparate Verunreinigungen (Proteine, Bindegewebe), welche teilweise zu allergischen Reaktionen führen konnten. 1915 isolierte der amerikanische Biochemiker Edward Calvin Kendall (1886 - 1972) das Haupthormon der menschlichen Schilddrüse in kristalliner Form; es erhielt später den Namen Thyroxin (8); Edward C. Kendall erhielt 35 Jahre später den Nobelpreis für Medizin (1950).

Eine Dekade nach Kendall´s Pionierleistung - im Jahr 1926 - definierte der britische Chemiker C.R. Harington (1897 - 1972) die genaue chemische Formel des L-Thyroxins (9), und ein Jahr später waren er und sein schottischer Kollege George Barger (1878 - 1939) in der Lage, das Hormon synthetisch herzustellen (9). Das zweite und potentere Schilddrüsenhormon T3 (L-Trijodthyronin) wurde erst in den frühen 50er Jahren des 20. Jahrhunderts entdeckt (10).

Es dauerte ebenfalls eine Dekade nach Kendall´s Publikation, bis im Jahr 1926 chemisch reines kristallines Schilddrüsenhormon kommerziell hergestellt werden konnte.

Die 1913 gegründete Berliner Firma "Chemische und pharmazeutische Fabrikation Dr. Georg Henning, Berlin" hatte 1926 in ihrem Katalog drei Schilddrüsenpräparate im Angebot:

Thyreoidea "Henning" (bis 1974 hergestellt) Thyroxin "Henning" (bis 1952 hergestellt) Thyroxin Kendallsches (bereits 1926 eingestellt)

Die Preise für kristallines Thyroxin "Henning" lagen damals bei 20 Reichsmark für 12 Ampullen zu 0,5 mg. In Tabletteform kosteten 100 Tabletten zu 0,2 mg Thyroxin "Henning" 8 Reichsmark. (11) Das Familienunternehmen "Henning Berlin" wurde 1992 verkauft und ist heute Bestandteil des Weltkonzerns Sanofi Aventis ((Sanofi Aventis ist nach Pfizer (USA) und Glaxo (UK) mit einem jährlichen Umsatz von € 15 Milliarden der drittgrößte Pharmakonzern der Welt; Deutschlandzentrale: Berlin)). Gründer des Unternehmens "Henning Berlin" war Dr. Georg Henning (1963 - 1945), sein Sohn Robert Friedrich Henning (* 1930) hat das Unternehmen bis 1990 geleitet. 1967 kam das erste synthetische Schilddrüsenhormon der Fa. Henning Berlin auf den Markt, Handelsname: L-Thyroxin Henning; es sollte das seit 1926 angebotene Thyreoidea "Henning" ablösen sollte und wird bis zum heutigen Tag produziert. 1968 brachte Henning das Präparat Thyroxin-T3 "Henning" (T4:T3 Verhältnis: 10:2) auf den Markt, das erste Kombinationspräparat der Firma. 1973 wurden 3 verschiedene L-Thyroxin-Dosierungen angeboten: 50, 100 und 150 µg. 1978 wurde das Präparat Prothyrid (T4:T3 Verhältnis: 10:1) eingeführt, und 1981 komplettierten die Dosierungen: 25, 75, 125 und 200 µg das Programm.

Warum dauerte es so lange, bis synthetische Schilddrüsenhormone im größeren industriellen Maßstab hergestellt wurden? Die frühere chemische Verbindung, in der das L-Thyroxin hergestellt wurde, führte häufig zu Überdosierungen; dies war der Grund, dass sich die synthetischen Hormone über Jahrzehnte nicht gegenüber den getrockneten Schilddrüsenextrakten durchsetzen konnten. Erst in den 1940er Jahren wurde in England eine exakte Standardisierbarkeit des L-Thyroxin entwickelt. Daher verbreitete sich das synthetische Hormon auch zuerst in den englischsprachigen Ländern (UK und USA). In den USA ist heute das seit 1955 hergestellte Synthroid das marktbeherrschende Präparat (> 90% Marktanteil).

In Deutschland brachte die Fa. Hoechst im Jahr 1958 das Präparat Thybon (reines L-T3) auf den Markt. Heute sind neben den Produkten der Pionierfirmen (Henning Berlin und Merck) einige so genannte Generika ("Nachahmerprodukte") auf dem deutschen Markt; für Interessierte sind die derzeit verfügbaren Präparate im Anhang aufgelistet.

Literatur

  1. Kocher Th: Über Kropfexstirpation und ihre Folgen. Arch Klin Chir (1883) 29: 2541
  2. Reverdin JL, Reverdin A: Note sur vingt-deux opérations de goitre :(avec trois planches phototypiques) Revue médicale de la Suisse Romande 1882; 539.
  3. Gull WW: On a cretinoid state supervening in adult life in women. Transactions of the Clinical Society of London 1874; 7:180
  4. Ord WM: On Myxoedema, a term proposed to be applied to an essential condition in the cretinoid infection observed in middle aged women. Transactions of the Medical - Chirurgical Society of London 1878; 61: 57
  5. Ord WM: Report of a committee of the Clinical Society of London nominated December 14, 1883, to investigate the subject of myxoedema. Trans. Clin. Soc. Lond. 1888; 21 (Suppl)
  6. Schiff M: Resumé d'une nouvelle série d'ezperiences sur les effets de l'ablation des corps thyroids. Revue medicale de la Suisse Romande1884; 4: 65-75 und 425-445.
  7. Murray GR: Note on the treatment of myxoedema by hypodermic injection of an extract of the thyroid gland of a sheep. Brit Med J 1891; 2: 769
  8. Kendall EC: The isolation in crystalline form of the compound containing iodine which occurs in the thyroid: its chemical nature and physiological activity. Trans Assoc Am Physicians 1915; 30: 420
  9. Harrington CR: Chemistry of thyroxine I. Isolation of thyroxine from the thyroid gland. Biochem J 1926; 20: 293
  10. Harington CR, Barger G: Thyroxine III: Constitution and Synthesis of Thyroxine. Biochem J 1927; 21: 169
  11. Gross J, Pitt-River R: The identification of 3:5:3´-1 triiodo-thyronine in human plasma. Lancet 1952;1: 39
  12. Fischer W: Henning Berlin: die Geschichte eines pharmazeutischen Unternehmens; 1913 - 1991. Berlin, Duncker und Humblot, 1992

Anhang

Im offiziellen Arzneimittelverzeichnis (Rote Liste) aufgeführte Schilddrüsenhormon-Präparate zum Einnahmen (in alphabetischer Reihenfolge); soweit nicht gesondert beschrieben, handelt es sich um reine L-Thyroxin Präparate:

Hersteller
Berlthyrox Berlin-Chemie
Eferox Lindopharm
Euthyrox Merck
Lixin liquid Henning Sanofi Aventis
L-Thyrox Hexal HEXAL
L-Thyroxin beta betapharm
L-Thyroxin Henning Sanofi Aventis
Novothyral Merck *
Prothyrid Sanofi Aventis *
Thevier Glaxo/Smith/Kline
Thybon Henning Sanofi Aventis **

* Komb. L-T4/L-T3
** Reines L-T3

PS:
Der Autor dankt der Fa. Sanofi Aventis für die Überlassung der Firmenchronik der Fa. Henning Berlin von 1913 bis 1991 (Literaturverzeichnis: 12)

(C) 2006 Prof. Hotze