Newsletter 06/2006

"Aus einem Mops wird kein Windhund."

Mit solchen Sprüchen provozierte Udo Pollmer (Lebensmittelchemiker, Journalist und Buchautor) die anwesenden Mediziner anlässlich einer Podiumsdiskussion zum Thema "Ernährung und Gesundheit" auf der 6. Jahrestagung der GSAAM (German Society of Anti Aging Medicine) in München.
Er vertrat bei dieser Diskussion den Kontra Part und sprach sich vehement gegen regelmäßig Obst und Gemüse ("5 a day"), Nahrungsergänzungsmittel und auch gegen Fitnesstraining aus (in diesem Zusammenhang brachte er den Mops ins Spiel).

Nach seinen Recherchen bringt das alles gar nichts, im Gegenteil: die "Schlankheitsdiktatur macht Dünne dick und Dicke krank", sagt er.

Auf die Frage des Diskussionsleiters, Dr. Kleine-Gunk, welche konkreten Empfehlungen für eine präventive Ernährung er denn einem Patienten gebe - Antwort: er schickt ihn an die Currywurstbude.
Das Publikum im Vortragssaal war gespalten zwischen Lachern und wütenden Zwischenrufern. Wie könne er sich erdreisten, so die Wütenden, solche Tipps hier abzugeben - und das ausgerechnet vor einem Publikum, das sich ganz sicher in seiner Mehrzahl bedingungslos der "Fitness- und Schlankheitsdiktatur" unterwerfe? Ob die Lacher in der Mehrzahl zu den "Nicht-Fit-Und-Schlank-Sein-Müssern" (aber trotzdem Schlank-Seiern) gehörten - wäre sicher interessant, zu wissen.

Doch wie es scheint, hat der "Currywurstmann" recht, zumindest teilweise.

Derselbe Dr. Kleine-Gunk, der noch im Mai zu den Lachern gehört hatte, schreibt in der aktuellen Ausgabe der Zeitung der GSAAM in einem Editorial (1), dass eine große europäische Studie (280 000 Frauen zwischen 25 und 70) ergab, dass die Brustkrebshäufigkeit bei denjenigen Frauen, die reichlich Obst und Gemüse verzehrten, nicht gesunken ist. "Obst und Gemüse schützt (leider) nicht vor Brustkrebs" - schreibt die Deutsche Krebsgesellschaft.
In einer angesehenen amerikanischen Fachzeitschrift war im Dezember 2005 zu lesen, dass "eine hohe Ballaststoffaufnahme nicht mit einem niedrigen Darmkrebsrisiko einherging."
In der gleichen Fachzeitschrift veröffentlicht wurden Daten von 50 000 adipösen Amerikanerinnen, die unter Aufsicht von Diätberatern ihren Fettanteil in der Nahrung auf unter 20% abgesenkt hatten. Ernüchterndes Ergebnis nach 8 Jahren: die Zahl der Herzerkrankungen und die Häufigkeit an Darmkrebs sind in der Niedrigfettgruppe genauso hoch wie in der Normalfettgruppe.

Der Einfluss der Ernährung auf die Vermeidung von Krebs (zumindest bestimmter Krebsarten) ist offensichtlich überschätzt worden. In einer Pressemitteilung der Deutschen Krebsgesellschaft vom 24. 1. 2006 ist zu lesen:
"Bereits Anfang diesen Jahres wurde im Rahmen der EPIC-Studie belegt, dass der Zusammenhang zwischen einem hohen Obst- und Gemüseverzehr und der Vermeidung von Brustkrebs bislang überschätzt wurde. "Wir müssen offensichtlich umdenken und unsere Arbeitsschwerpunkte im Bereich Krebs und Ernährung neu setzen", erklärt Prof. Dr. Konrad Biesalski vom Institut für Biologische Chemie und Ernährungswissenschaft der Uni Hohenheim und Sprecher der Kommission Ernährung und Krebs in der Deutschen Krebsgesellschaft e.V."

Die hier diskutierten Daten zeigen wieder einmal sehr deutlich, wie stark der genetische Einfluss auf die Entstehung solch ernsthafter Erkrankungen ist. Was die Gene für das Äußere bewirken, ist gut sichtbar - bei den Hunderassen "Mops und Windhund". Wie viel Einfluss sie bei Dicken und Schlanken der Spezies Mensch haben, kann man leider nicht individuell messen: wie gerne würde jeder von uns das Schwergewicht Udo Pollmer wieder in seine Kindheit setzen und ihm einmal 30 Jahre "Schlankheitsdiktatur" aufbrummen. Dann wüssten wir definitiv, ob nicht doch die vielen Currywürste zum "Mops-Typ-Spezies-Mensch-Pollmer" geführt haben.

(1) Kleine-Gunk B. Editorial. Ist "5 a day" gescheitert? 2006; AAM 5: 3

(C) 2006 Prof. Hotze