Newsletter 05/2006

Hashimoto - wie bekannt sind Erkrankung und Namensgeber?

Kürzlich ist eine Teilnehmerin des Internet "Hashimoto-Forums" an das Magazin "Stern TV" herangetreten, eine Sendung über Hashimoto Patienten zu produzieren. Stern TV hat Nein gesagt. Das Desinteresse des Senders könnte daran liegen, dass die Erkrankung wenig bekannt ist, spekulierte in der anschließenden Diskussion ein Forumsteilnehmer.

Dass dies die wahrscheinlichste Erklärung ist, will ich versuchen im Folgenden zu belegen. Schon bei früheren Internetrecherchen zur historischen Person des Dr. Hakaru Hashimoto (Namensgeber der Erkrankung) ist mir aufgefallen, dass es nur relativ spärliche Informationen zu seiner Person und seinem beruflichen Werdegang gibt. Auch in einer auf Medizingeschichte spezialisierten Enzyklopädie (1500 Seiten Umfang!) ist kein Eintrag unter seinem Namen zu finden (1).
Ein Blick in ein einschlägiges deutschsprachiges Standard-Nachschlagewerk (2) hilft - auf den ersten Blick - ebenfalls nicht weiter:
Die aktuelle 10bändige Brockhaus-Lexikon Ausgabe enthält auf 7400 Seiten Kleingedrucktem und 150.000 Stichworten keinen Eintrag für "Hashimoto".

Immerhin findet man im Brockhaus unter dem Stichwort "Autoimmunkrankheiten" (A.) einen 23zeiligen Eintrag, der das Prinzip und den Ablauf der A. korrekt beschreibt. Im Text zu A ist u. a. zu lesen:
"Die A. werden für viele Krankheitsbilder ungeklärter Ursache verantwortlich gemacht. A. treten familiär gehäuft auf. Gesichert erscheint der Zusammenhang z.B. bei bestimmten Formen der Blutarmut ..., bei Nebennierenerkrankungen und bei der Schmetterlingsflechte sowie bes. bei den Kollagenkrankheiten, v. a. der rheumatoiden Arthritis." Von der Schilddrüse als möglichem betroffenem Organ hingegen ist keine Rede.

Allerdings wird man unter dem Stichwort "Schilddrüse" (41 Zeilen + 1 farbige Abbildung) fündig. Dort heißt es, Zitat:
"Die chronische S. (Schilddrüsenentzündung - Einfügung des Autors) tritt in Form der durch Autoimmunprozesse hervorgerufenen Hashimoto-T., der atroph. Immunthyreoiditis ... auf. Die Behandlung ... der chron. Thyreoiditis (Einfügung des Autors) erfolgt (Einfügung des Autors) mit Dauergabe von Schilddrüsenhormonen ..."
Diese Passage umfasst 9 Zeilen und - immerhin - den Namen "Hashimoto".

Fassen wir zusammen: die zitierten Textpassagen und andere Einträge zum Thema Schilddrüse ergeben ca. 1/2 Seite; die Passage zum Thema Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse umfasst 9 Zeilen (= weniger als 1/10 Seite) bei - wie gesagt 7400 Seiten.

Eine simple Google Suche für Hakaru Hashimoto bringt nur ca. 700 Hits, der Suchbegriff Hashimoto Erkrankung 65.000, Hashimoto´s disease hingegen 1.4 Millionen Hits!

Zusammenfassung der Kernaussagen:

  1. Die Erkrankung, ihre Entstehung und Therapie ist in einem Lexikon für Allgemeinbildung enthalten und korrekt beschrieben, auch der Namensgeber ist erwähnt.
  2. Eine auf Medizinhistorie, für Mediziner geschriebene, spezialisierte Enzyklopädie enthält den Namen Hashimoto nicht.
  3. Über die historische Person Hashimoto gibt es nur dürftige Informationen im Internet.
  4. Die Erkrankung ist im englischsprachigen Raum weitaus bekannter als im deutschsprachigen, u. z. im Verhältnis 21 zu 1.

Welche Schlussfolgerungen lassen sich ziehen?

Obwohl die Erkrankung häufig ist (sehr solide amerikanischen Daten ergeben eine Häufigkeit von ca. 12% der Bevölkerung; die Zahlen sind ganz sicher auf Deutschland übertragbar), ist hierzulande die Kenntnis darüber bescheiden, u. z. sowohl bei Medizinern als auch innerhalb der nicht betroffenen Bevölkerung.
Noch sehr viel geringer ist das Interesse am Namensgeber (700 Treffer).
Wenn ein medizinhistorisches aktuelles Lexikon (1) noch nicht einmal den Namensgeber einer Erkrankung kennt, die in den USA nach offiziellen Zahlen mindestens 18 Millionen Menschen betrifft (bei uns sind es potenziell bis zu 11 Mio.), spricht das für sich, im negativen Sinne.
Die 20fach höhere Trefferquote im englischsprachigen Raum steht nicht im Verhältnis der Bevölkerungszahlen von ca. 3.5 : 1(USA, Kanada, UK: ca. 350 Mio.; D, S, Ö: ca. 100 Mio.). Das bedeutet, dass die Beschäftigung der Beteiligten (Erkrankte und Ärzte) mit der Erkrankung bei uns noch sehr gering ausgeprägt ist. Dies erklärt auch das magere bis nicht vorhandene Medieninteresse. Das Nein von Stern TV wird nachvollziehbar.

Literatur

1) Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005. W. de Gruyter, Berlin.
2) Brockhaus in 10 Bänden. 2004. Brockhaus, Mannheim.

(C) 2006 Prof. Hotze