
Kürzlich ist eine Teilnehmerin des Internet "Hashimoto-Forums" an das Magazin "Stern TV" herangetreten, eine Sendung über Hashimoto Patienten zu produzieren. Stern TV hat Nein gesagt. Das Desinteresse des Senders könnte daran liegen, dass die Erkrankung wenig bekannt ist, spekulierte in der anschließenden Diskussion ein Forumsteilnehmer.
Dass dies die wahrscheinlichste Erklärung ist, will ich versuchen im Folgenden
zu belegen. Schon bei früheren Internetrecherchen zur historischen Person des
Dr. Hakaru Hashimoto (Namensgeber der Erkrankung) ist mir aufgefallen, dass
es nur relativ spärliche Informationen zu seiner Person und seinem beruflichen
Werdegang gibt. Auch in einer auf Medizingeschichte spezialisierten Enzyklopädie
(1500 Seiten Umfang!) ist kein Eintrag unter seinem Namen zu finden (1).
Ein Blick in ein einschlägiges deutschsprachiges Standard-Nachschlagewerk (2)
hilft - auf den ersten Blick - ebenfalls nicht weiter:
Die aktuelle 10bändige Brockhaus-Lexikon Ausgabe enthält auf 7400 Seiten Kleingedrucktem
und 150.000 Stichworten keinen Eintrag für "Hashimoto".
Immerhin findet man im Brockhaus unter dem Stichwort "Autoimmunkrankheiten"
(A.) einen 23zeiligen Eintrag, der das Prinzip und den Ablauf der A. korrekt
beschreibt. Im Text zu A ist u. a. zu lesen:
"Die A. werden für viele Krankheitsbilder ungeklärter Ursache verantwortlich
gemacht. A. treten familiär gehäuft auf. Gesichert erscheint der Zusammenhang
z.B. bei bestimmten Formen der Blutarmut ..., bei Nebennierenerkrankungen und
bei der Schmetterlingsflechte sowie bes. bei den Kollagenkrankheiten, v. a.
der rheumatoiden Arthritis." Von der Schilddrüse als möglichem betroffenem
Organ hingegen ist keine Rede.
Allerdings wird man unter dem Stichwort "Schilddrüse" (41 Zeilen + 1 farbige
Abbildung) fündig. Dort heißt es, Zitat:
"Die chronische S. (Schilddrüsenentzündung - Einfügung des Autors) tritt
in Form der durch Autoimmunprozesse hervorgerufenen Hashimoto-T., der atroph.
Immunthyreoiditis ... auf. Die Behandlung ... der chron. Thyreoiditis
(Einfügung des Autors) erfolgt (Einfügung des Autors) mit Dauergabe von
Schilddrüsenhormonen ..."
Diese Passage umfasst 9 Zeilen und - immerhin - den Namen "Hashimoto".
Fassen wir zusammen: die zitierten Textpassagen und andere Einträge zum Thema Schilddrüse ergeben ca. 1/2 Seite; die Passage zum Thema Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse umfasst 9 Zeilen (= weniger als 1/10 Seite) bei - wie gesagt 7400 Seiten.
Eine simple Google Suche für Hakaru Hashimoto bringt nur ca. 700 Hits, der Suchbegriff Hashimoto Erkrankung 65.000, Hashimoto´s disease hingegen 1.4 Millionen Hits!
Zusammenfassung der Kernaussagen:
Welche Schlussfolgerungen lassen sich ziehen?
Obwohl die Erkrankung häufig ist (sehr solide amerikanischen Daten ergeben
eine Häufigkeit von ca. 12% der Bevölkerung; die Zahlen sind ganz sicher auf
Deutschland übertragbar), ist hierzulande die Kenntnis darüber bescheiden, u.
z. sowohl bei Medizinern als auch innerhalb der nicht betroffenen Bevölkerung.
Noch sehr viel geringer ist das Interesse am Namensgeber (700 Treffer).
Wenn ein medizinhistorisches aktuelles Lexikon (1) noch nicht einmal den Namensgeber
einer Erkrankung kennt, die in den USA nach offiziellen Zahlen mindestens 18
Millionen Menschen betrifft (bei uns sind es potenziell bis zu 11 Mio.), spricht
das für sich, im negativen Sinne.
Die 20fach höhere Trefferquote im englischsprachigen Raum steht nicht im Verhältnis
der Bevölkerungszahlen von ca. 3.5 : 1(USA, Kanada, UK: ca. 350 Mio.; D, S,
Ö: ca. 100 Mio.). Das bedeutet, dass die Beschäftigung der Beteiligten (Erkrankte
und Ärzte) mit der Erkrankung bei uns noch sehr gering ausgeprägt ist. Dies
erklärt auch das magere bis nicht vorhandene Medieninteresse. Das Nein von Stern
TV wird nachvollziehbar.
Literatur
1) Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005. W. de Gruyter, Berlin.
2) Brockhaus in 10 Bänden. 2004. Brockhaus, Mannheim.
(C) 2006 Prof. Hotze