Newsletter 07/2005

Kasuistik - Ungewöhnliche Schilddrüsenlaborwerte

L.-A. Hotze, Wiesbaden

Ein niedergelassener Kollege (Internist) diskutierte mit unserer Praxis einen bis dahin für ihn ungewöhnlichen Fall:

Es handelte sich um einen 28jährigen männlichen Patienten ohne Vorerkrankungen. Grund für die Vorstellung durch den Hausarzt: Vermehrtes Schwitzen, Herzrhythmusstörungen, unklare Schilddrüsenwerte mit "fehlendem" T4 und niedrigem TSH.

Untersuchungsbefunde:

Blutdruck: 150/70 mm Hg
Puls: 59/Min.
Halsumfang: 44,5 cm

Tastbefund Schilddrüse:

weich, keine Knoten, keine Vergrößerung

Ultraschallbefund Schilddrüse:

normales Echomuster, symmetrisch
Volumen: 25 ml
keine vermehrte Durchblutung.

Szintigraphie der Schilddrüse:

Praktisch keine Aufnahme des Radiopharmakons in die SD
Uptake: 0.2%

Belastungs-EKG:

Belastung bis 250 Watt möglich. Unauffälliges EKG

Blutwerte außer Schilddrüse:

alle im Normbereich (Erythrozyten und Hämatokrit: oberster Normbereich)

Schilddrüsen Blutwerte:

Referenzbereich Einheit
Gesamt T4: < 1  5 - 12 µg/dl
Gesamt T3: 105 70 - 200 ng/ml
Freies T4: 4.2 7.1- 17.9 pg/ml
Freies T3: 4.0 2.0 - 4.2 pg/ml
TSH stimuliert: 0.26 2.4 - 34 mU/l
SD Antikörper: Alle negativ

Noch mal die wichtigsten Veränderungen zusammengefasst:
T4 erniedrigt, T3 normal, TSH unterdrückt, Jodaufnahme in die SD stark unterdrückt.

Was fehlt dem Patienten?

Nach längerer Diskussion, bei der sich herausstellte, dass der Patient regelmäßig ins Fitnessstudio geht, kamen wir gemeinsam auf die wahrscheinlichste Antwort: Der Patient nimmt - ohne dass es dem Hausarzt oder Internisten bislang bekannt war - ein T3 Präparat (z. B. Thybon) ein.

Nur dies kann alle Befunde erklären:

Unter T3-Zufuhr sinkt die Produktion von T4 in der Schilddrüse, da die Körperzellen über das externe T3 genug Hormon erhalten. Die TSH Produktion wird weitgehend eingeschränkt, so dass auch die Jodaufnahme in die Schilddrüse sinkt.

Der Kollege schrieb unserer Praxis einige Tage später folgenden Brief (Hervorhebung durch den Autor):

"Nochmals recht herzlichen Dank für Ihre telefonische Beratung bei der Auflösung der Laborkonstellation des 1977 geborenen männlichen Bodybuilders D.F.. Tatsächlich stellte sich im abschließenden Gespräch heraus, dass T3 Präparate zur Substitution bei Einnahme von Anabolika/Wachstumshormonen eingenommen werden und damit die Laborkonstellation erklären können..."

Dass Berufs- und Freizeitsportler zur Leistungssteigerung Nahrungsergänzungsmittel - und teilweise- auch Hormone einnehmen, ist wohl heute nicht mehr so selten; bei ungewöhnlichen Laborbefunden sollte daher der betreuende Arzt an eine solche Möglichkeit denken.

(C) 2005 Prof. Hotze