Newsletter 06/2005

Emil Theodor Kocher
"Vater der Schilddrüsenchirurgie"

Jeder, der an der Schilddrüse operiert ist (außer minimal-invasiven Eingriffen), hat ein bleibendes "Souvenir" an den Namen Kocher in Form einer Narbe: Als "Kocher´scher-Kragenschnitt" wird auch heute noch in der Schilddrüsenchirurgie der Hautschnitt am unteren Halsrand - ähnlich dem Verlauf einer Halskette - benannt.

Emil Theodor Kocher (geb. am 25. August 1841 in Bern) gilt als der "Vater der Schilddrüsenchirurgie".

Nach dem Studium der Medizin (seine akademischen Lehrer waren Demme, Lücke, Billroth und Langenbeck) in Bern und Wien und Studienaufenthalten in Zürich (1865), Berlin (1865-1867), London und Paris (1867) wurde Kocher 1872 (im Alter von erst 31 Jahren!) zum Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik Bern berufen. Mehr als jeder andere Chirurg seiner Zeit widmete er sich der Entwicklung einer sicheren und komplikationsfreien Schilddrüsenchirurgie. Kocher hat im Lauf seiner ärztlichen Laufbahn eigenhändig mehr als 7000 Schilddrüsenoperationen durchgeführt, bei einer mit 0.18% extrem niedrigen Mortalitätsrate - gegen Ende des 19. Jahrhunderts!

Die Nachbeobachtung eines 1874 operierten 11jährigen Mädchens, das im Verlauf typische Zeichen einer Schilddrüsenunterfunktion entwickelte (Wachstumsstillstand, Müdigkeit, mentale Retardierung), veranlasste Kocher, alle von ihm operierten Patienten nach zu untersuchen. Dabei zeigte sich, dass viele von ihnen, und insbesondere Kinder, die klinischen Zeichen einer - wie wir heute wissen - Hypothyreose hatten. In einer Publikation von 1883 (1) beschreibt Kocher die mentale und körperliche Verschlechterung bei 8 Patienten, bei denen die Schilddrüse vollständig entfernt worden war; sie entwickelten, nach seiner Beschreibung, postoperativ ein "kretinoides" Aussehen. Kocher bezeichnete diesen Zustand als "Cachexia Strumipriva" und führte ihn zunächst auf eine Verletzung der Luftröhre mit chronischer Asphyxie zurück; er sah nicht den Zusammenhang mit dem Fehlen der Schilddrüse, änderte seine Meinung jedoch aufgrund von Publikationen einiger seiner Zeitgenossen, die ebenfalls auf diesem Gebiet forschten:

Bereits im Jahr 1874 veröffentlichte der Londoner Arzt Sir William Withey Gull (1816-1890) in einem Fallbericht (2) erstmalig die klinischen Symptome einer Hypothyreose bei Erwachsenen, vier Jahre später war es der Londoner Chirurg Dr. William Miller Ord (1834 - 1902), der 1878 (3) in einem Fallbericht über eine Patientin mit Schilddrüsenunterfunktion und später, 1888 (4), einen Kommissionsbericht publizierte und als erster den Begriff "Myxödem" verwendete.

Der Physiologe Moritz Schiff (1823 - 1896) hatte bereits 1856 im Tierversuch (Hunde) nachgewiesen, dass die Entfernung der Schilddrüse fatale und letale Auswirkungen hatte. Später - in den 1880 er Jahren - entdeckte er, dass eine Transplantation oder die Zufuhr von Schilddrüsenextrakten den tödlichen Verlauf verhindern konnte. Er war einer der ersten, der tierische Schilddrüsen-Extrakte (von Schafen) Patienten, die wegen Struma operiert worden waren, injizierte, mit Erfolg. Schiff hatte auch Hunden Teile ihrer herausoperierten Schilddrüse in den Bauchraum transplantiert, was auch Kocher später bei Menschen versuchte; die Ergebnisse waren allerdings nicht überzeugend, allenfalls transiente klinische Verbesserungen waren erzielbar.

Es war der Engländer George R. Murray (1865 - 1939), der als erster über die Therapie des Myxödems mit tierischen (Schaf) Schilddrüsenextrakten publizierte (5). Er mischte den Schilddrüsenextrakt mit Gylcerin und einigen Tropfen Phenol und injizierte die Lösung einem Patienten mit Myxödem subkutan. Innerhalb einiger Wochen besserte sich der Zustand des Patienten, eine Therapie der bislang unheilbaren Krankheit war gefunden, und Murray war bis zu seinem Lebensende ein berühmter Mann. Ähnlich wie im Fall Hashimoto/Ord hätte eigentlich auch hier einem anderen Forscher die Auszeichnung der Erstbeschreibung zufallen müssen. Es waren die Ärzte Bettencourt und Serrano aus Lissabon, die bereits im November 1890 ihre Ergebnisse der Lissaboner Gesellschaft für medizinische Wissenschaften berichteten: "...after four or five injections ... the patient ... experienced notable improvement; the sensation of cold in the dorsal region disappeared, her movements are easier, and she sleeps well. The menstrual periods are now regular, and the areas of alopecia have disappeared." (6)

Damit waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Grundlagen der endokrinen Chirurgie und der Hormonersatztherapie bei fehlender Eigenproduktion geschaffen. (7) Zusammenfassend zeigt die Geschichte der schilddrüsenbezogenen Medizin des 19. Jahrhunderts mehrere Aspekte:

Erstmalig wurde erkannt, dass

Sehr bedeutsam war auch, dass Fehler erkannt und korrigiert wurden:

Weitere Stationen in Kochers beruflicher Laufbahn:

1901 - Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie
1905 - Vorsitz des Ersten Internationalen Chirurgenkongresses in Brüssel
1909 - Verleihung des Nobelpreises für Medizin für seine Beiträge zu Physiologie, Pathologie und Chirurgie der Schilddrüse

Kocher war schon vor der Verleihung des Nobelpreises ein sehr angesehener und bekannter Arzt.

In den Jahren 1904-1905 ließ er an der Schlösslistrasse in Bern eine Privatklinik mit 25 Zimmern bauen; dieses "Kocherspital" wurde später von einem seiner Söhne, Privatdozent Dr. med. Albert Kocher (1872-1941), weitergeführt. Unter seinen vielen Patienten war auch Lenins Ehefrau, Nadeschda Konstantinowa Krupskaja, die sich 1913 von Kocher operieren ließ.

Emil Theodor Kocher starb im Alter von 75 Jahren am 27. Juli 1917 in Bern.

PS:
Die Geschichte der Schilddrüsenforschung des 19. Jahrhunderts fand auch Eingang in eine - hierzulande wenig bekannte - Hollywood Filmproduktion: The Man in Half Moon Street, USA 1944 - und einem späteren Remake (The Man Who Could Cheat Death, England 1959), mit dem bekannten Horrormimen Christopher Lee in einer der Hauptrollen.

Der Film spielt im Paris des Jahres 1890. Der Bildhauer und Arzt Dr. George Bonner (40) erwartet seinen Freund und Schüler, den Chirurgen Prof. Dr. Ludwig Weiss (89), der ihm eine Schilddrüse implantieren soll. Die Schilddrüse stammt von einem Pariser Mordopfer. Prof. Weiss verspätet sich jedoch, so dass die vorhandene Schilddrüse nicht mehr verwertbar ist. Dr. Bonner sieht sich gezwungen, eines seiner weiblichen Modelle zu ermorden, um ihre Schilddrüse zu entnehmen. Als Prof. Weiss dies erfährt, weigert er sich die Operation durchzuführen; daraufhin wird auch er von Dr. Bonner ermordet. Jetzt bittet Dr. Bonner seinen Freund Dr. Gerard, die Operation durchzuführen; dieser geht zum Schein darauf ein, implantiert ihm jedoch anstelle der Schilddrüse ein anderes Gewebe. Jetzt wird klar, warum der 89jährige Prof. Weiss Schüler von Bonner sein konnte. Bonner ist bereits 104 Jahre alt, hat jedoch den biologischen Alterungsprozess (bei 40 Jahren) angehalten, indem er sich alle 10 Jahre eine neue Schilddrüse hat implantieren lassen. Ohne die neue Schilddrüse wird er nun innerhalb eines Tages biologisch 104 Jahre alt und stirbt.

Hauptdarsteller des Films:
Dr. Georges Bonner (Anton Diffring), Janine Dubois (Hazel Court), Dr. Pierre Gerard (Christopher Lee), Prof. Ludwig Weiss (Arnold Marlé).

Die Geschichte, die vor dem Hintergrund heutigen Wissens allenfalls Schmunzeln erzeugt, zeigt jedoch, welche Faszination und Phantasie die Ergebnisse der Schilddrüsenforschung Ende des 19. Jahrhunderts noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts auslösten.

Literatur

  1. Kocher Th.: Über Kropfexstirpation und ihre Folgen. Arch Klin Chir (1883) 29: 2541
  2. Gull WW: On a cretinoid state supervening in adult life in women. Transactions of the Clinical Society of London 1874; 7:180
  3. Ord WM: On myxoedema, a term proposed to be applied to an essential condition in the cretinoid infection observed in middle aged women. Transactions of The Medical - Chirurgical Society Of London 1878; 61: 57
  4. Ord WM: Report of a committee of the Clinical Society of London nominated December 14, 1883, to investigate the subject of myxoedema. Trans. Clin. Soc. Lond. 1888; 21 (Suppl)
  5. Murray GR: Note on the treatment of myxoedema by hypodermic injections of an extract of thyroid gland of a sheep. BMJ 1891; 2: 796
  6. Bettencourt A-M, Serrano J-A: Un cas de myxoedeme traite par la greffe hypodermique du corps thyroide dún mouton. Sem Medicale 1890; 10: 294
  7. Sawin CT: The invention of thyroid therapy in the late nineteenth century. The Endocrinologist 2001; 11; 1

(C) 2005 Prof. Hotze