
- Eine historische Recherche -
Am 06.07.2005 war im Hashimoto Forum ein interessanter Eintrag zu lesen:
Eine Teilnehmerin stellte dort die (berechtigte) Frage: Was ist eine Ord-Thyreoiditis?
Sie war unter folgendem Link auf die Ord-Thyreoiditis gestoßen:
de.wikipedia.org/wiki/Ord-Thyreoiditis
Link zum Hashimoto-Forum Beitrag:
www.ht-mb.de/forum/showthread.php?t=1034649)
Auch dem Ärzteteam unserer Praxis war die Ord-Thyreoiditis bislang nicht bekannt. Also war es an der Zeit, etwas mehr darüber hinauszufinden.
Wer war der Namensgeber der Ord-Thyreoiditis?
Um das zu beantworten, muss man ein wenig in die Vergangenheit zurückschauen, genauer: in das viktorianische London des 19. Jahrunderts:
Dr. William Miller Ord (1834 - 1902) war in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein bekannter Londoner Arzt. Er war Chirurg am Londoner St. Thomas Hospital. 1878 veröffentlichte er einen Fallbericht (1) über eine Patientin mit Unterfunktion und verwendete als erster den Begriff "Myxödem". Ord erkannte als erster den Zusammenhang der klinischen Symptome einer Schilddrüsenunterfunktion und der Zerstörung der Schilddrüse (völlige Atrophie in der Autopsie). Daher wird ihm zu Recht die Erstbeschreibung der atrophischen Verlaufsform der Autoimmunthyreoiditis zugewiesen. (194.254.96.19/histmed/hm_cat.htm)
In dem Fallbericht beschreibt Ord die Krankengeschichte einer bislang gesunden 49jährigen Frau, die er über 11 Jahre bis zu ihrem Tod beobachtete und die im Laufe der Erkrankung folgende Symptome entwickelt:
Zunehmendes Kältegefühl bis hin zu Schüttelanfällen, Nachlassen der mentalen Fähigkeiten, Verlangsamung der Bewegungen bis hin zur Unfähigkeit, sich selbst anzuziehen, spontanes Einschlafen, wenn sie sich nicht bewegte. Sie starb im Alter von 60 Jahren. Bei der Autopsie zeigte sich, dass die Schilddrüse völlig zerstört und durch Bindegewebe ersetzt war. Außerdem waren ihre Arterien an allen Stellen verdickt, die größeren hatten atherosklerotische Ablagerungen. Ord schlussfolgerte völlig richtig, dass die Zerstörung der Schilddrüse (autoptischer Befund) und die klinischen Beschwerden der Unterfunktion zu Lebzeiten (einschließlich der Gefäßschäden) zusammenhingen. Den Befunden wurde so große Bedeutung beigemessen, dass eine Kommission gegründet wurde, um die Funktion der Schilddrüse näher zu untersuchen. In den folgenden Jahren wurde ein klareres Bild der Rolle der Schilddrüse für den Stoffwechsel entwickelt. Im Jahr 1888 wurde der Abschlussbericht der Kommission veröffentlicht (2).
Einige Jahre zuvor, im Jahr 1874, hatte ein Kollege Ords, ein Sir William Withey Gull (1816-1890) in einem Fallbericht (3) erstmalig die klinischen Symptome einer Hypothyreose bei Erwachsenen publiziert. (194.254.96.21/livanc/?cote=epo0426&p=1&do=page)
Er beschrieb in farbiger, fast poetischer Sprache die beobachtbaren Veränderungen seiner Patientin, wie hier beispielhaft wiedergegeben:
"her face altering from oval to round, much like the full moon at rising.
With a complexion soft and fair, the skin presenting a peculiarly smooth and
fine texture was almost porcelainous in aspect, the cheeks tinted of a delicate
rose-purple ...."
In Deutsch: "ihre Gesichtsform änderte sich von oval nach rund, sehr ähnlich
dem aufgehenden Vollmond. Mit weichen und hellen Teint zeigte ihre Haut eine
seltsam glatte und feine Struktur, in der Erscheinung fast wie Porzellan; ihre
Wangen waren von einer zarten purpur-rosenroten Färbung..."
Sir William Withey Gull war ein sehr berühmter Zeitgenosse Ords. Er arbeitete am Londoner Guy´s Hospital; er war Arzt des Prince of Wales (dem späteren Edward VII, 1841-1910) und Leibarzt von Queen Victoria (1819-1901); ihm wird auch die Erstverwendung des Begriffs "Anorexia nervosa" zugeschrieben.
In einigen Websites (Beispiel: lexikon.freenet.de/Autoimmunthyreopathie) wird eine Einteilung der AIT vorgeschlagen, die den Begriff Ord-Thyreoiditis mit einbezieht:
Beispiel:
Typ 1A: Schilddrüse vergrößert + Euthyreose + AIT = Hashimoto-Th.
Typ 1B: Schilddrüse nicht vergrößert + Euthyreose + AIT = Ord-Th.
Typ 2A: Schilddrüse vergrößert + Hypothyreose + AIT = Hashimoto-Th.
Typ 2B: Schilddrüse nicht vergrößert + Hypothyreose + AIT = Ord-Th.
Die Bezeichnung Ord-Thyreoiditis ist ungewöhnlich und dem Autor dieses Beitrages in vielen Jahren der Beschäftigung mit Schilddrüse und Autoimmunthyreoiditis kein einziges Mal begegnet. Der Begriff Hashimoto-Thyreoiditis hat sich in der Literatur seit vielen Jahren fest etabliert, wobei durchaus zwischen einer hypertrophischen und atrophischen Form unterschieden wird. Allerdings assoziieren fast alle, die sich mit der Materie befassen, mit der Hashimoto-Erkrankung eine fortschreitende Schrumpfung des Organs. In der Veröffentlichung von Hashimoto (194.254.96.21/livanc/?cote=epo0445&p=1&do=page) ist jedoch von "Struma lymphomatosa" die Rede; Struma bedeutet Vergrößerung der Schilddrüse. Damit muss man die hypertrophe Form der AIT Hakaru Hashimoto und die hypotrophe Form der autoptischen Beobachtung William M. Ord zuschreiben.
Die hypertrophe Form ist allerdings eine Rarität; wir beobachten sie nur sehr selten bei Erwachsenen, wenn fast nur bei Kindern und Jugendlichen.
Ob eine Änderung des geläufigen Namens "Hashimoto-Thyreoiditis" in "Ord-Erkrankung" sinnvoll ist - wie von renommierten amerikanischen und britischen Autoren (4,5) überlegt wurde, ist höchst fraglich: Es würde zur Verwirrung vieler Patienten führen und sicher eine Flut besorgter Fragen auslösen. Wichtiger ist es m. E., die historischen Hintergründe zu kennen und zu benennen (wie hier geschehen), aus ihnen aber keine Änderung der über viele Jahre etablierten Terminologie vorzunehmen.
(C) 2005 Prof. Hotze