Geschichte der Schilddrüsenmedizin

Die Idee, eine Sammlung von Beiträgen der geschichtlichen Entwicklung der heute praktizierten Schilddrüsenmedizin zu schreiben, kam mir, als ich mich mit einer Teilnehmer-Frage in dem unserer Praxis angeschlossenen Schilddrüsenforum beschäftigte.
Die Sache beschäftigte mich deswegen so nachhaltig, weil ich mir bis zu diesem Zeitpunkt (im Juli letzten Jahres) einbildete, ich wüsste so ziemlich alles in unserem Fach, auch über die Namensgeber aller Erkrankungen.
Als eine Teilnehmerin wissen wollte, was eine "Ord-Thyreoiditis" ist, war der Zeitpunkt gekommen, mir selbst einzugestehen, dass ich das nicht wusste, und auch noch nie gehört hatte. Dank der heute verfügbaren Informationsquellen im Internet war ich schnell in der Lage, herauszubekommen, was es mit der "Ord-Thyreoiditis" auf sich hatte.

Bei der Recherche stellte ich fest, dass mir die Beschäftigung mit der Medizinhistorie sehr viel Spaß machte, so dass ich beschloss, eine Serie von in unserem Fach wichtigen diagnostischen und therapeutischen Elementen zu schreiben, u. z. ausgehend von den historischen Anfängen bis in unsere Zeit.

Mittlerweile ist eine ganze Menge Material zusammengekommen, welches ich an dieser Stelle nach einzelnen Gebieten gegliedert zusammenfassen will.
Da die Arbeit noch lange nicht zu Ende ist, wird diese Seite eine kontinuierliche Erweiterung erfahren.

Übersicht

Teil 1

William M. Ord (1834 - 1902) - Der Erstbeschreiber der Hashimoto-Thyroeiditis

Klingt paradox, stimmt aber. In einem Beitrag im Schilddrüsenforum unserer Praxis hatte eine Teilnehmerin die Frage gestellt: "Was ist eine Ord -Thyreoiditis?" Dem Ärzteteam unserer Praxis war der Name "Ord" im Zusammenhang mit der Schilddrüse bis zu diesem Zeitpunkt noch nie begegnet.

Wer oder was war Ord, der Namensgeber der "Ord-Thyreoiditis"?

Um die Frage zu beantworten, muss man etwas mehr als 100 Jahre in die Vergangenheit zurückschauen, genauer gesagt, in das viktorianische London des 19. Jahrhunderts:

Dr. William Miller Ord (1834 - 1902) war Mitte des 19. Jahrhunderts ein bekannter Londoner Arzt. Er war Chirurg am Londoner St. Thomas Hospital. 1878 und 1888 (2) veröffentlichte er einen Fallbereicht (1) über eine Patientin mit Unterfunktion und verwendete als erster den Begriff "Myxödem".
In dem Fallbericht kombiniert Ord die Krankengeschichte und den Autopsiebefund einer bis dato gesunden 49jährigen Frau, die er über 11 Jahre bis zu ihrem Tod beobachtete, und die im Laufe der Erkrankung folgende Symptome entwickelte:

Die Patientin starb im Alter von 60 Jahren. Bei der Autopsie zeigte sich, dass die Schilddrüse völlig zerstört und durch Bindegewebe ersetzt war. Außerdem waren ihre Arterien an allen Stellen verdickt, die größeren hatten atherosklerotische Ablagerungen. Ord schlussfolgerte völlig richtig, dass die Zerstörung der Schilddrüse (autoptischer Befund) und die klassischen klinischen Unterfunktionszeichen der Patientin (zu Lebzeiten) zusammenhingen. Den Befunden wurde so große Bedeutung beigemessen, dass eine Kommission gegründet wurde, um die Funktion der Schilddrüse näher zu untersuchen. In den folgenden Jahren wurde ein klareres Bild der Rolle der Schilddrüse für den Stoffwechsel entwickelt. Im Jahr 1888 wurde der Abschlussbericht der Kommission veröffentlicht (2).

Ord erkannte damit - historisch betrachtet - als erster den Zusammenhang der klinischen Symptome einer Schilddrüsenunterfunktion (damals "Myxödem" genannt) und der Zerstörung der Schilddrüse (Atrophie in der autoptischen Untersuchung). Ord beschreibt in seiner Veröffentlichung:
the thyroid is "in every case reduced in size ..........The thyroid is converted into delicate fibrous tissue, which is here and there infiltrated with clumps of cells ...............Here and there are seen minute nodules about 1 to 2 mm in diameter which stain darkly and which ----are found to be composed of leucocytes ........"

Dies sind die klassischen pathologisch/histologischen Veränderungen einer Autoimminunthyreoiditis, wie wir sie heute alle unter dem Begriff "Hashimoto Thyreoiditis" kennen.
Daher ist unter historischer Betrachtungsweise Dr. William Miller Ord derjenige, der als erster sowohl die lymphozytäre Infiltration mit Umwandlung in fibröses Gewebe und Atrophie der Schilddrüse mit den klinischen Befunden der Unterfunktion in Zusammenhang brachte. (http://194.254.96.19/histmed/hm_cat.htm)

Einige Jahre vor Ord, im Jahr 1874, hatte Sir William Withey Gull (1816-1890) in einem Fallbericht (3) erstmalig die klinischen Symptome einer Hypothyreose bei Erwachsenen publiziert. (http://194.254.96.21/livanc/?cote=epo0426&p=1&do=page)

Er beschrieb in farbiger, fast poetischer Sprache die beobachtbaren Veränderungen seiner Patientin, wie hier beispielhaft wiedergegeben: "her face altering from oval to round, much like the full moon at rising. With a complexion soft and fair, the skin presenting a peculiarly smooth and fine texture was almost porcelainous in aspect, the cheeks tinted of a delicate rose-purple …."
Sir William Withey Gull war ein sehr berühmter Zeitgenosse Ords. Er arbeitete am Londoner Guy´s Hospital; er war Arzt des Prince of Wales (dem späteren Monarchen Edward VII, 1841-1910) und Leibarzt von Queen Victoria (1819-1901); ihm wird auch die Erstverwendung des Begriffs "Anorexia nervosa" zugeschrieben.

In einigen Websites (Beispiel: http://lexikon.freenet.de/Autoimmunthyreopathie) wird eine Einteilung der AIT vorgeschlagen, die den Begriff Ord-Thyreoiditis mit einbezieht:

Beispiel

Typ 1A    Schilddrüse vergrößert + Euthyreose + AIT = Euth. + Hashimoto-Th.
Typ 1B  Schilddrüse nicht vergrößert + Euthyreose + AIT = Euth. + Ord-Th.
Typ 2A  Schilddrüse vergrößert + Hypothyreose + AIT = Hypoth.+ Hashimoto-Th.
Typ 2B  Schilddrüse nicht vergrößert + Hypothyreose + AIT = Hypoth. + Ord-Th.

Die Bezeichnung Ord-Thyreoiditis ist dem Autor dieses Beitrages in vielen Jahren der Beschäftigung mit Schilddrüse und Autoimmunthyreoiditis kein einziges Mal begegnet. Der Begriff Hashimoto-Thyreoiditis ist in der Literatur und im klinischen Alltag seit vielen Jahren fest etabliert, wobei zwischen einer hypertrophen und atrophischen Form unterschieden wird. Allerdings assoziieren fast alle, die sich mit der Materie befassen, mit der Hashimoto-Erkrankung eine fortschreitende Schrumpfung des Organs. In der Veröffentlichung von Hashimoto (http://194.254.96.21/livanc/?cote=epo0445&p=1&do=page)
ist jedoch ganz klar von "Struma lymphomatosa" die Rede; Struma bedeutet Vergrößerung der Schilddrüse. Damit müsste man eigentlich die hypertrophe Form der Autoimmunthyreoiditis Dr. Hakaru Hashimoto und die hypotrophe Form Dr. William M. Ord zuschreiben.
Die hypertrophe Form ist allerdings eine Rarität; wir beobachten sie nur sehr selten bei Erwachsenen, wenn, fast nur bei Kindern und Jugendlichen.
Ob eine Änderung des geläufigen Namens "Hashimoto-Thyreoiditis" in "Ord-Erkrankung" oder Ord-Hashimoto Thyreoiditis sinnvoll ist - wie von renommierten amerikanischen und britischen Autoren (4,5) überlegt wurde, ist höchst fraglich: Es würde sicher zur Verwirrung vieler Patienten führen und eine Flut besorgter Fragen auslösen. Wichtiger ist es m. E., die historischen Hintergründe zu kennen und aus zu sprechen, dass hier ein historischer Irrtum vorliegt, ähnlich wie bei Graves und Parry im Fall der "Basedow-Krankheit".
Ein Zitat (4) von Terry F. Davies (Editor-in-Chief der Zeitschrift "Thyroid") zu diesem Thema soll diesen kleinen historischen Ausflug beenden:

".... the same applies to Graves´disease, which was first described by Parry (7), but at least that is a well-known historical error. In contrast, poor Dr. Ord is hardly known to anyone including me. The conclusion is clear. The disease should really be called Ord-Hashimoto´s thyroiditis." Really?

Literatur

  1. Ord WM: On Myxoedema, a term proposed to be applied to an essential condition in the cretinoid infection observed in middle aged women. Transactions of The Medical - Chirurgical Society Of London 1878; 61: 57
  2. Ord WM: Report of a committee of the Clinical Society of London nominated December 14, 1883, to investigate the subject of myxoedema. Trans. Clin. Soc. Lond. 1888; 21 (Suppl)
  3. Gull WW: On a cretinoid state supervening in adult life in women. Transactions of the Clinical Society of London 1874; 7:180
  4. Davies TF: Editorial. Ord-Hashimoto's Disease: Renaming a Common Disorder Again. Thyroid 2003; 13: 4; 317
  5. Williams D: Letter to the Editor. Hashimoto's and Ord's Diseases. Thyroid 2003; 13: 12; 1189
  6. Hashimoto H: Zur Kenntnis der Lymphomatösen Veränderung der Schilddrüse (Struma lymphomatosa) Archiv für Klinische Chirurgie Berlin 1912; 97: 219
  7. Parry CH: Collections from the unpublished work of the late Caleb Hillier Parry. Underwood London 1825; Vol.2; 11

Hakaru Hashimoto (1881 - 1934) - Namensgeber der Hashimoto Thyreoiditis - einer der häufigsten Autoimmunerkrankungen und der häufigsten Ursache der Schilddrüsenunterfunktion

Hashimoto wurde 1881 in Midau in eine Arztfamilie geboren. Mit 22 begann er ein Medizinstudium an der damals neu gegründeten Medical School der Kyushu Universität, 1907 war er einer der ersten erfolgreichen Absolventen. Von 1908 bis 1912 arbeitete er in der chirurgischen Klinik (unter der Leitung von Prof. Hayari Miyake).
1912 veröffentlichte er seine Dissertation mit dem Titel: "Struma lymphomatosa". In ihr beschreibt er die 4 histologischen Charakteristika der nach ihm benannten Hashimoto Erkrankung der Schilddrüse:
diffuse lymphozytäre Infiltration,
Bildung lymphoider Follikel,
Zerstörung epithelialer Zellen,
Proliferation von fibrösem Gewebe.

Da Hashimoto die Daten seiner Dissertation in einer deutschen Fachzeitschrift veröffentlichte (3), war seine Arbeit in seiner Heimat nahezu gänzlich unbekannt.
Hashimoto verbrachte anschließend 3 Jahre in Europa, u. z. in Berlin, Göttingen und London. Der Ausbruch des 1. Weltkriegs und der Tod seines Vaters beendeten seinen Aufenthalt in Europa. Hakaru Hashimoto war gläubiger Buddhist und Liebhaber des japanischen Theaters. In den Jahren nach dem 1. Weltkrieg entwickelte er sich zu einem erfolgreichen und von seinen Kollegen sehr geschätzten Chirurgen mit Spezialisierung für - nicht Schilddrüsen sondern - Abdominalchirurgie! Er veröffentlichte weitere Publikation über eine erysipelartige Infektion der Haut (St. Anthony´s Fieber) und über thoraxpenetrierende Wunden.
Hakaru Hashimoto verstarb im Jahr 1934 im Alter von nur 53 Jahren an Thyphus.

PS 1:
Der Sohn von Dr. Hakaru Hashimoto ( Prof. em. Dr. Kazuo Hashimoto) - gemäß der Familientradition ebenfalls Arzt - wurde im Jahr 1998 von der Thyroid Federation International (Internationaler Dachverband für Schilddrüsen Selbsthilfegruppen - http://www.thyroid-fed.org) zum Ehrenmitglied ernannt.

PS 2:
Zum Andenken an seine Verdienste ist das Bild von Hashimoto seit 1958 Bestandteil des Logos der Japan Thyroid Association.

Teil 2

Schilddrüsenchirurgie
Emil Theodor Kocher (1841 - 1917)

Emil Theodor Kocher erhielt den Beinamen: "Vater der Schilddrüsenchirurgie".
Zu Recht, wie der folgende Text zeigen wird:

Jeder, der an der Schilddrüse operiert ist (außer minimal-invasiven Eingriffen), hat ein bleibendes "Souvenir" an den Namen Kocher in Form einer Narbe: Als "Kocher´scher Kragenschnitt" wird auch heute noch in der Schilddrüsenchirurgie der Hautschnitt am unteren Halsrand - ähnlich dem Verlauf einer Halskette - benannt.

Emil Theodor Kocher (geb. am 25. August 1841 in Bern) gilt als der "Vater der Schilddrüsenchirurgie".

Nach dem Studium der Medizin (seine akademischen Lehrer waren Demme, Lücke, Billroth und Langenbeck) in Bern und Wien und Studienaufenthalten in Zürich (1865), Berlin (1865-1867), London und Paris (1867) wurde Kocher 1872 (im Alter von erst 31 Jahren!) zum Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik Bern berufen. Mehr als jeder andere Chirurg seiner Zeit widmete er sich der Entwicklung einer sicheren und komplikationsfreien Schilddrüsenchirurgie. Kocher hat im Lauf seiner ärztlichen Laufbahn eigenhändig mehr als 7000 Schilddrüsenoperationen durchgeführt, bei einer mit 0.18% extrem niedrigen Mortalitätsrate - gegen Ende des 19. Jahrhunderts!

Die Nachbeobachtung eines 1874 operierten 11jährigen Mädchens, das im Verlauf typische Zeichen einer Schilddrüsenunterfunktion entwickelte (Wachstumsstillstand, Müdigkeit, mentale Retardierung), veranlasste Kocher, alle von ihm operierten Patienten nach zu untersuchen. Dabei zeigte sich, dass viele von ihnen, und insbesondere Kinder, die klinischen Zeichen einer - wie wir heute wissen - Hypothyreose hatten. In einer Publikation von 1883 (1) beschreibt Kocher die mentale und körperliche Verschlechterung bei 8 Patienten, bei denen die Schilddrüse vollständig entfernt worden war; sie entwickelten, nach seiner Beschreibung, postoperativ ein "kretinoides" Aussehen. Kocher bezeichnete diesen Zustand als "Cachexia Strumipriva" und führte ihn zunächst auf eine Verletzung der Luftröhre mit chronischer Asphyxie zurück; er sah nicht den Zusammenhang mit dem Fehlen der Schilddrüse, änderte seine Meinung jedoch aufgrund von Publikationen einiger seiner Zeitgenossen, die ebenfalls auf diesem Gebiet forschten:

Bereits im Jahr 1874 veröffentlichte der Londoner Arzt Sir William Withey Gull (1816-1890) in einem Fallbericht (2) erstmalig die klinischen Symptome einer Hypothyreose bei Erwachsenen, vier Jahre später war es der Londoner Chirurg Dr. William Miller Ord (1834 - 1902), der 1878 (3) in einem Fallbericht über eine Patientin mit Schilddrüsenunterfunktion und später, 1888 (4), einen Kommissionsbericht publizierte und als erster den Begriff "Myxödem" verwendete.

Der Physiologe Moritz Schiff (1823 - 1896) hatte bereits 1856 im Tierversuch (Hunde) nachgewiesen, dass die Entfernung der Schilddrüse fatale und letale Auswirkungen hatte. Später - in den 1880 er Jahren - entdeckte er, dass eine Transplantation oder die Zufuhr von Schilddrüsenextrakten den tödlichen Verlauf verhindern konnte. Er war einer der ersten, der tierische Schilddrüsen-Extrakte (von Schafen) Patienten, die wegen Struma operiert worden waren, injizierte, mit Erfolg. Schiff hatte auch Hunden Teile ihrer herausoperierten Schilddrüse in den Bauchraum transplantiert, was auch Kocher später bei Menschen versuchte; die Ergebnisse waren allerdings nicht überzeugend, allenfalls transiente klinische Verbesserungen waren erzielbar.

Es war der Engländer George R. Murray (1865 - 1939), der als erster über die Therapie des Myxödems mit tierischen (Schaf) Schilddrüsenextrakten publizierte (5). Er mischte den Schilddrüsenextrakt mit Gylcerin und einigen Tropfen Phenol und injizierte die Lösung einem Patienten mit Myxödem subkutan. Innerhalb einiger Wochen besserte sich der Zustand des Patienten, eine Therapie der bislang unheilbaren Krankheit war gefunden, und Murray war bis zu seinem Lebensende ein berühmter Mann. Ähnlich wie im Fall Hashimoto/Ord hätte eigentlich auch hier einem anderen Forscher die Auszeichnung der Erstbeschreibung zufallen müssen. Es waren die Ärzte Bettencourt und Serrano aus Lissabon, die bereits im November 1890 ihre Ergebnisse der Lissaboner Gesellschaft für medizinische Wissenschaften berichteten: "...after four or five injections ... the patient ... experienced notable improvement; the sensation of cold in the dorsal region disappeared, her movements are easier, and she sleeps well. The menstrual periods are now regular, and the areas of alopecia have disappeared." (6)

Damit waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Grundlagen der endokrinen Chirurgie und der Hormonersatztherapie bei fehlender Eigenproduktion geschaffen. (7) Zusammenfassend zeigt die Geschichte der schilddrüsenbezogenen Medizin des 19. Jahrhunderts mehrere Aspekte:

Erstmalig wurde erkannt, dass

Sehr bedeutsam war auch, dass Fehler erkannt und korrigiert wurden:

Weitere Stationen in Kochers beruflicher Laufbahn:

1901  Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie
1905  Vorsitz des Ersten Internationalen Chirurgenkongresses in Brüssel
1909  Verleihung des Nobelpreises für Medizin für seine Beiträge zu Physiologie, Pathologie und Chirurgie der Schilddrüse

Kocher war schon vor der Verleihung des Nobelpreises ein sehr angesehener und bekannter Arzt. In den Jahren 1904-1905 ließ er an der Schlösslistrasse in Bern eine Privatklinik mit 25 Zimmern bauen; dieses "Kocherspital" wurde später von einem seiner Söhne, Privatdozent Dr. med. Albert Kocher (1872-1941), weitergeführt. Unter seinen vielen Patienten war auch Lenins Ehefrau, Nadeschda Konstantinowa Krupskaja, die sich 1913 von Kocher operieren ließ.

Emil Theodor Kocher starb im Alter von 75 Jahren am 27. Juli 1917 in Bern.

PS:

Die Geschichte der Schilddrüsenforschung des 19. Jahrhunderts fand auch Eingang in eine - hierzulande wenig bekannte - Hollywood Filmproduktion: "The Man in Half Moon Street", USA 1944 - und einem späteren Remake "The Man Who Could Cheat Death", England 1959, mit dem bekannten Horrormimen Christopher Lee in einer der Hauptrollen.

Der Film spielt im Paris des Jahres 1890.

Der Bildhauer und Arzt Dr. George Bonner erwartet seinen Freund und Schüler, den Chirurgen Prof. Dr. Ludwig Weiss (89), der ihm eine Schilddrüse implantieren soll. Die Schilddrüse stammt von einem Pariser Mordopfer. Prof. Weiss verspätet sich jedoch, so dass die vorhandene Schilddrüse nicht mehr verwertbar ist. Außerdem ist Weiss gebrechlich und sieht sich auch körperlich nicht mehr in der Lage, Bonner zu helfen.

In einer Nebengeschichte taucht ein Detektiv der Pariser Polizei auf, der in dem Mordfall ermittelt. Er verdächtigt Bonner, den Mord begangen zu haben, denn es gibt Parallelen zu ähnlichen Mordfällen, 20 und 30 Jahre zuvor. Der Inspektor der Pariser Kriminalpolizei stellt die Ermittlungen gegen Bonner jedoch ein, als er ihn verhört hat: wenn er mit den früheren Mordfällen in Verbindung gestanden hätte, weil sein (augenscheinliches) Lebensalter nicht dazu passt: er hätte die Morde in der Vergangenheit als Kind oder Jugendlicher begangen haben müssen.

In dem anschließenden Dialog zwischen Bonner und Weiss wird klar, wofür Bonner die Schilddrüse des Mordopfers braucht: die Implantation einer neuen Schilddrüse verlängert sein Leben. Um an eine neue Schilddrüse zu gelangen, ermordet Dr. Bonner eines seiner weiblichen Modelle. Als Prof. Weiss dies erfährt, weigert er sich die Operation durchzuführen; daraufhin wird auch er von Dr. Bonner ermordet. Jetzt bittet Dr. Bonner seinen Freund Dr. Gerard, die Operation durchzuführen; dieser geht zum Schein darauf ein, implantiert ihm jedoch anstelle der Schilddrüse ein anderes Gewebe. Jetzt wird klar, warum der 89jährige Prof. Weiss Schüler von Bonner sein konnte. Bonner ist bereits 104 Jahre alt, hat jedoch den biologischen Alterungsprozess im Alter von ca. 35 Jahren angehalten, indem er sich alle 10 Jahre eine neue Schilddrüse hat implantieren lassen. Ohne die neue Schilddrüse wird er nun innerhalb eines Tages biologisch 104 Jahre alt und stirbt.

Hauptdarsteller des Films:
Dr. Georges Bonner (Anton Diffring), Janine Dubois (Hazel Court), Dr. Pierre Gerard (Christopher Lee), Prof. Ludwig Weiss (Arnold Marlé).

Die Geschichte, die vor dem Hintergrund heutigen Wissens allenfalls Schmunzeln erzeugt, zeigt jedoch, welche Faszination und Phantasie die Ergebnisse der Schilddrüsenforschung Ende des 19. Jahrhunderts noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts auslösten.

Literatur

  1. Kocher Th.: Über Kropfexstirpation und ihre Folgen. Arch Klin Chir (1883) 29: 2541
  2. Gull WW: On a cretinoid state supervening in adult life in women. Transactions of the Clinical Society of London 1874; 7:180
  3. Ord WM: On myxoedema, a term proposed to be applied to an essential condition in the cretinoid infection observed in middle aged women. Transactions of The Medical - Chirurgical Society Of London 1878; 61: 57
  4. Ord WM: Report of a committee of the Clinical Society of London nominated December 14, 1883, to investigate the subject of myxoedema. Trans. Clin. Soc. Lond. 1888; 21 (Suppl)
  5. Murray GR: Note on the treatment of myxoedema by hypodermic injections of an extract of thyroid gland of a sheep. BMJ 1891; 2: 796
  6. Bettencourt A-M, Serrano J-A: Un cas de myxoedeme traite par la greffe hypodermique du corps thyroide dún mouton. Sem Medicale 1890; 10: 294
  7. Sawin CT: The invention of thyroid therapy in the late nineteenth century. The Endocrinologist 2001; 11; 1

Thomas Peel Dunhill (1876 - 1957)

Dunhill ist der Namensgeber einer - auch heute noch - sehr häufig angewendeten Operationsmethode, die hauptsächlich bei der Basedow-Hyperthyreose zum Einsatz kommt. Vor einigen Tagen fiel mir eine Frage einer Patientin des Internet Diskussionsforum unserer Praxis (Schilddrüsenforum) auf. Die Teilnehmerin postete, dass bei ihr eine Operation nach Dunhill geplant sei. Sie wollte wissen, was hinter dem Begriff "Dunhill Operation" steckt und was dabei auf sie zukommt. Die Frage war für unser Ärzteteam ohne Probleme zu beantworten - Operationstechnik und Indikation für diese Art der Schilddrüsenoperation waren uns natürlich bekannt. Was aber wussten wir über den Menschen Dunhill - sein Leben und sein berufliches Wirken? Wenig bis nichts.

Den Chirurgen und den auch den schon länger in Sachen Schilddrüse tätigen Kollegen anderer Fachgebiete ist selbstverständlich bekannt, was man unter einer Dunhill Operation versteht, - und dass in diesem Fall der Name Dunhill nichts mit Cigarillos oder Parfum zu tun hat, natürlich auch. Spätestens wenn man den chirurgischen Entlassungsbericht eines schilddrüsenoperierten Patienten etwas genauer liest, weiß man, worum es sich bei der Dunhill Operation handelt: die Operation nach Dunhill besteht in einer Hemithyreoidektomie und einer subtotalen Resektion der Gegenseite. Das bedeutet in der Regel, dass nach einer Dunhill Operation ein Rest von ca. 2 - 3 ml (cm³) Schilddrüsengewebe übrig bleibt.

Der Grund für die relativ ausgedehnte Resektion hängt mit der Erkrankung zusammen, bei der dieses Operationsverfahren bevorzugt eingesetzt wird, nämlich der Basedow-Hyperthyreose - oder (der im angelsächsischen Sprachraum üblichen Bezeichnung "Graves´Diseaese". Die Besonderheit bei dieser Erkrankung ist, dass sie eigentlich nicht von der Schilddrüse sondern vom Immunsystem ausgeht. Das Immunsystem bildet Antikörper gegen Schilddrüsengewebe, so genannte TSH R AK (= TSH Rezepter Antikörper). Diese TSH R AK ihrerseits stimulieren und überstimulieren die Schilddrüsenzellen über den TSH Rezeptor (wie auch TSH, daher der Name), so dass die Schilddrüsenzellen unangemessen zu viel Hormon herstellen und ins Blut sezernieren, mit der Folge einer Hyperthyreose.

Ist der nach der OP verbleibende Schilddrüsenrest allerdings zu groß, besteht die Gefahr eines Rezidivs, da die TSH R AK das Gewebe erneut stimulieren können. Oberstes Ziel der OP ist daher die sichere Beseitigung der Überfunktion und die Vermeidung einer erneuten OP aufgrund eines Rezidivs. Daraus resultiert die beschriebene Vorgehensweise. Die dabei zwangläufig eintretende - und gewollte - Hypothyreose (aufgrund der ausgedehnten Resektion) wird natürlich nicht zugelassen, sondern bereits am Tag nach der OP durch die Zufuhr von synthetischen SD Hormon in Tabletteform ausgeglichen. Dabei wird anhand der Größe und des Gewichts des Patienten zunächst eine provisorische Hormon-Dosierung gewählt; die bedarfsgerechte, individuelle Dosis wird vom Haus- oder Facharzt etwa 4-6 Wochen nach Entlassung durch eine Blutuntersuchung ermittelt.

Die Rate an Recurrensparesen nach einer Dunhill Operation ist glücklicherweise in den letzten Jahren stark zurückgegangen, was sicher mit der weiten Verbreitung des intraoperativen Neuromonitoring zusammenhängt. Unsere Praxis hat in den vergangenen 2 Jahren keine Parese (auch keine passagere) mehr beobachtet. Allerdings kann es (aufgrund der ausgedehnten Resektion) zu einem teilweise Monate andauernden Hypoparathyreoidismus kommen, der mit Calcium und Vitamin D3 substituiert und kontrolliert werden muss. Die Diagnose wird in den allermeisten Fällen bereits während des stationären Aufenthalts gestellt.
Eine Alternative zur Dunhill Operation stellt die beidseitige subtotale Resektion (nach Enderlen (1863-1940) und Hotz (1880-1927)) dar. Vergleiche beider Techniken hinsichtlich ihrer Komplikationsraten ergaben keine Unterschiede. Allerdings hat die Dunhill Methode den Vorteil, dass sie im Falle eines (sehr seltenen) Rezidivs die Nachresektion lediglich eines Lappens erfordert, so dass das Risiko einer beidseitigen Recurrensschädigung entfällt.

Wer war Dunhill (1876 - 1957)?

Sir Thomas Peel Dunhill wurde 1876 in Tragowel, Bundesstaat Victoria, Australien geboren. Er studierte Medizin in Melbourne (Abschluss 1903).
Ab 1907 begann er, Patienten mit Basedow Hyperthyreose zu operieren.
In einer Vortragsreise durch die USA und England im Jahr 1911 stellte er seine Ergebnisse vor. Er hatte bis dahin 230 Basedow Patienten operiert, mit einer Mortalitätsrate von nur ca. 1%. Seine während seines Vortrages vor der Royal Medical Society anwesenden englischen Kollegen konnten dies kaum glauben, betrug doch im Jahr 1910 die Mortalitätsrate im Londoner St. Thomas´s Hospital noch über 30%!
Nach dem 1. Weltkrieg, in dem er als Truppenarzt (Captain of the Australian Army Medical Corps) diente, wurde er 1920 an die Chirurgische Abteilung des Londoner St. Bartholomew´s Hospital berufen. Er blieb bis an sein Lebensende in London und galt während seiner gesamten Lebenszeit als der herausragende Schilddrüsenchirurg Englands.

PS 1:

Interessant ist, dass im Jahr 1872, ziemlich genau 55 Jahre vor der Ernennung Dunhill` s, ebenfalls ein Schilddrüsenexperte Leibarzt der königlichen Familie wurde, Sir William Withey Gull (1816-1890)

PS 2:

1988: In einer TV Produktion der BBC zum 100. Jahrestag der legendärsten Mordserie der gesamten Kriminalgeschichte stellen die Detektive dem Serienmörder eine Falle und verhaften ihn: die Überraschung ist riesig - Jack the Ripper ist niemand anderes als - Sir William W. Gull, Leibarzt von Queen Victoria! Mit Rücksicht auf Gull´s schlechten Gesundheitszustand und die königliche Familie wird er jedoch nicht angeklagt. - Soweit die Geschichte des BBC TV Zweiteilers.
Dass Gull in seiner Funktion als Arzt (er war als Leibarzt der königlichen Familie einer der bekanntesten Ärzte des gesamten Empire) in die Ermittlungen der Londoner Polizei als Gutachter/Berater einbezogen war, steht historisch außer Frage. Als prominente, in den Fall involvierte Figur stand er natürlich auch auf der "Verdächtigenliste" vieler "Ripperianer". Es ist schwierig, sich zu der Sache eine Meinung zu bilden, aber es gibt ein gewichtiges Argument, welches gegen Gull als Täter spricht:
1887, also ein Jahr vor der Mordserie, hatte Gull einen Schlaganfall, den Ersten von einer ganzen Serie; dies brachte auch seine ärztliche Tätigkeit zu einem Ende. Außerdem war er 1888 bereits 71 Jahre alt, so dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass er der "Ripper" war.

Teil 3

Die Entwicklung der Therapie der Schilddrüsen-Unterfunktion mit Schilddrüsenhormon

Wenn im Jahr 2006 ein Patient eine Hypothyreose entwickelt, sei es durch eine Hashimoto Thyreoiditis oder nach einer notwendigen ärztlichen Intervention (Operation, Radiojodtherapie), wird diese - unter Aufsicht des Haus- oder Facharztes - mit einem synthetischen L-Thyroxin Präparat ausgeglichen.
Anhand der klinischen Symptome und der Labordaten lässt sich bei fast allen Patienten problemlos innerhalb von 6 -12 Wochen die individuell erforderliche Hormondosis zum Ausgleich der Hypothyreose ermitteln. Die Dosierung bleibt dann zumeist über einen sehr langen Zeitraum stabil (Ausnahmen: z. B. Schwangerschaft, Menopause, Beginn der Einnahme von Ovulationshemmern, HRT).
In der Regel reichen dann, nach der Dosisfindung, Kontrolluntersuchungen in jährlichen Abständen.

Was heute so unproblematisch aussieht (Rezept ausstellen, Schilddrüsenhormontabletten in der Apotheke abholen), ist noch nicht allzu lange medizinische Routine. Es ist erst knapp ein halbes Jahrhundert her (seit den 1950er Jahren), dass synthetisches Schilddrüsenhormon in stabiler und zuverlässig dosierbarer Form industriell hergestellt werden kann. Zuvor, über ein weiteres halbes Jahrhundert lang (von Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts), waren lediglich Präparate aus getrockneten tierischen Schilddrüsen verfügbar (sog. Sicca Präparate). Dem gingen weitere 20 Jahre an Erkenntnisgewinn und Forschung voraus.

Die Geschichte des Schilddrüsenhormons beginnt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als von mehreren Ärzten erkannt wurde, welche Bedeutung die Schilddrüse (genauer: das von ihr produzierte Hormon) für den menschlichen Organismus hat. Es war der Schweizer Chirurg Emil Theodor Kocher (1841 - 1917), der bei Nachuntersuchungen an von ihm operierten Patienten Veränderungen feststellte (1), welche er u. a. als "kretinoides Aussehen" beschrieb. Die Brüder Reverdin ((Jaques-Louis Reverdin (1842-1929) und Auguste Reverdin (1848-1908)) - ebenfalls Schweizer und ebenfalls Schilddrüsenchirurgen - machten die gleiche Entdeckung wie Kocher - und publizierten ihre Ergebnisse sogar noch ein Jahr vor ihm (2)! Die Brüder Reverdin sind im Dunkel der Vergangenheit in Vergessenheit geraten, Kocher hingegen erhielt 26 Jahre nach seiner Publikation den Nobelpreis für Medizin und bleibt der Nachwelt - als "Lichtgestalt" der Schilddrüsenchirurgie - in ewiger Erinnerung (eine merkwürdige Parallele zu: Ord/Hashimoto und Parry/ Graves: vergessen/bekannt).

Die Londoner Ärzte Sir William W. Gull (1816 - 1890) und William M. Ord (1834 - 1902) publizierten in den Jahren 1874, 1878 und 1888 Berichte über Erwachsene, die die Symptome der Schilddrüsen-Unterfunktion ohne chirurgischen Eingriff entwickelt hatten (3 - 5). - Übrigens: William M. Ord war - historisch gesehen - der erste (vor Hashimoto), der den Zusammenhang zwischen der Zerstörung der Schilddrüse durch eine lymphozytäre Infiltration (heute: Hashimoto Thyreoditis) und den klinischen Zeichen des - wie er es nannte - "Myxödems"(heute: Hypothyreose) erkannte. -
Dadurch war klar, dass sowohl die operative Entfernung der Schilddrüse als auch die Zerstörung der Schilddrüse durch das Immunsystem - Autoimmunthyreoiditis - zu den gleichen klinischen Folgezuständen führt, nämlich schwerwiegenden körperlichen und mentalen Beeinträchtigungen.

Dies war der Startpunkt einer fieberhaften Suche nach einer Therapieform, welche die Funktion der operativ entfernten bzw. durch das Immunsystem zerstörten Schilddrüse ersetzen konnte. Der Physiologe und Assistent der Senckenberg Stiftung (Frankfurt/Main) Moritz Schiff (1823 - 1896) experimentierte in den 1880er Jahren mit Extrakten und Transplantationen von tierischen Schilddrüsen. Er konnte tierexperimentell nachweisen, dass die Transplantation oder die Zufuhr von Schilddrüsenextrakten den tödlichen Verlauf nach einer kompletten Entfernung bzw. Zerstörung der Schilddrüse verhindern konnte. (6)

Im Jahr 1891 war es der Engländer George R. Murray (1865 - 1939), der als erster in einer klinischen Fallbeschreibung über die erfolgreiche Therapie der Schilddrüsen-Unterfunktion mit Extrakten aus Schafsschilddrüsen berichtete (7). Er mischte den Schafsschilddrüsenextrakt mit Glycerin und einigen Tropfen Phenol und injizierte die Lösung einem Patienten mit "Myxödem" subkutan. Innerhalb weniger Wochen war eine dramatische Verbesserung des Zustands des Patienten zu beobachten. Eine Therapie der bis zu diesem Zeitpunkt unheilbaren Krankheit war gefunden! In den Jahren 1892 und 1893 folgten weitere Publikationen, die einerseits die Entdeckung Murrays bestätigten und andererseits zeigten, dass die Zufuhr des fehlenden Hormons auch durch den Verzehr von Schafsschilddrüsen möglich ist. Die übliche Dosis war eine halbe Schafsschilddrüse pro Woche, roh zu verspeisen - heute eine wenig appetitliche Vorstellung (8, 9, 10).

Bereits ab 1893 konnte man in einer Londoner Apotheke getrockneten Schilddrüsenextrakt (Thyreoidea sicca) kommerziell erwerben. Nachteile der getrockneten Präparate aus tierischen Schilddrüsen waren in der Anfangszeit die schlechte Standardisierbarkeit und die damit verbundene Unsicherheit einer exakten Dosierung. Außerdem enthielten die damaligen Präparate Verunreinigungen (Proteine, Bindegewebe), welche teilweise zu allergischen Reaktionen führen konnten.
Knapp 25 nach Murrays Entdeckung, im Jahr 1915, isolierte der amerikanische Biochemiker Edward Calvin Kendall (1886 - 1972) das Haupthormon der menschlichen Schilddrüse in kristalliner Form (11).
Das Hormon erhielt kurze Zeit später von Kendall den Namen "Thyroxin", Kendall erhielt lange Zeit später von H.M. Gustav VI. Adolf den Nobelpreis für Medizin - überreicht (1950).

Eine Dekade nach Kendall´s Pionierleistung - im Jahr 1926 - definierte der britische Chemiker C.R. Harington (1897 - 1972) die genaue chemische Formel des L-Thyroxins (12), und ein Jahr später waren er und sein schottischer Kollege George Barger (1878 - 1939) in der Lage, das Hormon synthetisch herzustellen (13). Im gleichen Jahr konnte kristallines Schilddrüsenhormon auch erstmals industriell hergestellt werden.
Das zweite und potentere Schilddrüsenhormon L-T3 (L-Trijodthyronin) wurde erst in den frühen 50er Jahren des 20. Jahrhunderts entdeckt (14).

Trotz der Entdeckung und Reindarstellung des L-Thyroxins (L-T4) wurde die Therapie mit getrockneten Tierschilddrüsenextrakten bis in die 1960er Jahre beibehalten, einzelne Präparate waren noch bis Mittel der 1970er Jahre auf dem Markt.

Warum dauerte es so lange, bis synthetische Schilddrüsenhormone im größeren industriellen Maßstab hergestellt wurden?

Die ersten chemisch hergestellten L-Thyroxin Tabletten führten häufig zu Überdosierungen, da die chemische Bindung des Hormons an die Trägersubstanzen instabil war.
Daher konnten sich zunächst die synthetisch hergestellten Hormone über Jahrzehnte nicht gegenüber den getrockneten Schilddrüsenextrakten durchsetzen. Erst in den 1940er Jahren wurde in England eine exakte Standardisierbarkeit des L-Thyroxins entwickelt.
So kam es, dass die Verbreitung des synthetischen Hormons zuerst in den englischsprachigen Ländern (UK und USA) begann. Das Markt führende Präparat in den USA - Synthroid - wird seit 1955 hergestellt (heutiger Marktanteil in den USA > 90%).

Nach der Entdeckung des zweiten Schilddrüsenhormons T3 im Jahr1952 (14), kamen in den mittleren bis späten 1950er Jahren Kombinationspräparate aus T4 und T3 auf den Markt. Novothyral war das erste Kombinationspräparat in Deutschland, entwickelt und hergestellt von Merck, Darmstadt.
Das erste reine T3 Präparat war Thybon, entwickelt von Hoechst (heute Sanofi Aventis) im Jahr 1958.
Das Gewichtsverhältnis von T4:T3 in den Kombinationspräparaten betrug in Anlehnung an die Konzentration in Schweineschilddrüsen 4 - 5:1 (Ausnahmen: 7 - 10:1). Ein Nachteil der Kombinationspräparate war (und ist heute noch) die häufigere Nebenwirkungsrate am Herz-Kreislaufsystem.
Aus diesem Grund wurde seit Anfang der 1970er Jahre - gestützt auf die Kenntnis der peripheren Konversion von T4 zu T3 - zunehmend reines L-Thyroxin eingesetzt, welches die Kombinationspräparate verdrängte. 1999 z. B. lag der Marktanteil von Novothyral bei 9% (16), d. h. nahezu 90% der Patienten mit Hypothyreose werden heutzutage mit einem Monopräparat (L-T4) behandelt.

Neben den Produkten der Pionierfirmen (Henning Berlin/Sanofi Aventis und Merck) sind heute auch einige Generika auf dem deutschen Markt (Rote Liste: 74 001 - 74 020)

Literatur

  1. Kocher Th: Über Kropfexstirpation und ihre Folgen. Arch Klin Chir (1883) 29: 2541
  2. Reverdin JL, Reverdin A: Note sur vingt-deux opérations de goitre :(avec trois planches phototypiques) Revue médicale de la Suisse Romande 1882; 539.
  3. Gull WW: On a cretinoid state supervening in adult life in women. Transactions of the Clinical Society of London 1874; 7:180
  4. Ord WM: On Myxoedema, a term proposed to be applied to an essential condition in the cretinoid infection observed in middle aged women. Transactions of the Medical - Chirurgical Society of London 1878; 61: 57
  5. Ord WM: Report of a committee of the Clinical Society of London nominated December 14, 1883, to investigate the subject of myxoedema. Trans. Clin. Soc. Lond. 1888; 21 (Suppl)
  6. Schiff M: Resumé d'une nouvelle série d'ezperiences sur les effets de l'ablation des corps thyroids. Revue medicale de la Suisse Romande1884; 4: 65-75 und 425-445.
  7. Murray GR: Note on the treatment of myxoedema by hypodermic injection of an extract of the thyroid gland of a sheep. Brit Med J 1891; 2: 796
  8. Mackenzie HWG: A case of myxedema treated with great benefit by feeding with fresh thyroid glands. Brit Med J 1892; 2: 940
  9. Fox EL: A case of myxedema treated by taking extract of thyroid by the mouth. Brit Med J 1892; 2: 941
  10. Beadles CF: The treatment of myxedema and cretinism, being a review of the treatment of the diseases with the thyroid gland, with a table of 100 published cases. J Ment Sci 1893; 39:343 + 509
  11. Kendall EC: The isolation in crystalline form of the compound containing iodine which occurs in the thyroid: its chemical nature and physiological activity. Trans Assoc Am Physicians 1915; 30: 420
  12. Harrington CR: Chemistry of thyroxine I. Isolation of thyroxine from the thyroid gland. Biochem J 1926; 20: 293
  13. Harington CR, Barger G: Thyroxine III: constitution and synthesis of thyroxine. Biochem J 1927; 21: 169
  14. Gross J, Pitt-River R: The identification of 3:5:3´-1 triiodo-thyronine in human plasma. Lancet 1952;1: 39
  15. Fischer W: Henning Berlin: die Geschichte eines pharmazeutischen Unternehmens; 1913 - 1991. Duncker und Humblot, Berlin 1992*
  16. Schwabe U, Paffrath D (Hrsg.) Arzneiverordnungs-Report 1999. Springer, Berlin 2000, 531

PS*:

Die 1913 gegründete Berliner Firma "Chemische und pharmazeutische Fabrikation Dr. Georg Henning, Berlin" hatte bereits 1926 in ihrem Verkaufskatalog drei Schilddrüsenpräparate im Angebot:

Die Preise für kristallines Thyroxin "Henning" lagen damals bei 20 Reichsmark für 12 Ampullen zu 0,5 mg. In Tablettenform kosteten 100 Tabletten zu 0,2 mg Thyroxin "Henning" 8 Reichsmark. (15) Das Familienunternehmen "Henning Berlin" wurde 1992 verkauft und ist heute Bestandteil des Weltkonzerns Sanofi Aventis (Sanofi Aventis ist nach Pfizer (USA) und Glaxo (UK) mit einem jährlichen Umsatz von Euro 15 Milliarden der drittgrößte Pharmakonzern der Welt; Deutschlandzentrale: Berlin).
Gründer des Unternehmens "Henning Berlin" war Dr. Georg Henning (1863 - 1945), sein Sohn Robert Friedrich Henning (* 1930) hat das Unternehmen bis 1990 geleitet. 1967 kam das erste synthetische Schilddrüsenhormon der Fa. Henning Berlin auf den Markt, Handelsname: L-Thyroxin Henning; es sollte das seit 1926 angebotene Thyreoidea "Henning" ablösen und wird bis zum heutigen Tag produziert.
1968 brachte Henning das Präparat Thyroxin-T3 "Henning" (T4:T3 Verhältnis: 10:2) auf den Markt, das erste Kombinationspräparat der Firma. 1973 wurden 3 verschiedene L-Thyroxin-Dosierungen angeboten: 50, 100 und 150 µg. 1978 wurde das Präparat Prothyrid (T4:T3 Verhältnis: 10:1) eingeführt, und 1981 komplettierten die Dosierungen: 25, 75, 125 und 200 µg L-Thyroxin Henning das Programm.

* Der Autor dankt Frau Dr. R. Vaupel, Firma Sanofi Avenits, für die Überlassung des Buches über die Geschichte des Unternehmens "Henning Berlin (Literatur: Nr. 15)

Teil 4

Die Geschichte der Radiojodtherapie (RJT)

1) Die Gegenwart

Das heute in der nuklearmedizinischen Therapie von Schilddrüsenkrankheiten ausschließlich verwendete Nuklid ist das Jodisotop I-131.

I-131 hat folgende physikalische Eigenschaften:

Verantwortlich für den therapeutischen Effekt ist die Betastrahlung. Sie hat im Schilddrüsengewebe eine geringe Reichweite (0,5 mm). Da Jod und seine Isotope im menschlichen Körper ausschließlich in der Schilddrüse aktiv aufgenommen werden, entsteht eine sehr hohe Dosis innerhalb, bei sehr geringer Dosis außerhalb der Schilddrüse. I-131 ist damit ein ideales Isotop zur Behandlung gut- und bösartiger Schilddrüsenerkrankungen. Durch die Gammastrahlung des I-131 kann gleichzeitig die Speicherung des therapeutischen Beta-Anteils bildlich sichtbar gemacht werden (Szintigraphie).
Zu den gutartigen, mit Radiojod behandelbaren, Erkrankungen zählen die verschiedenen Formen der Überfunktion sowie die Vergrößerung der Schilddrüse (Struma diffusa und nodosa).
Bei bösartigen Erkrankungen, die mit I-131 therapiert werden, handelt es sich hauptsächlich um 2 Formen von differenzierten Schilddrüsenkarzinomen - die papilläre und follikuläre Form. Dabei wird die RJT eingesetzt, um lokal nach der Operation noch verbliebenes Schilddrüsenrestgewebe zu zerstören und eventuell vorhandene Metastasen (in Lymphknoten, Lunge oder anderen Geweben) aufzuspüren und zu zerstören.
Vor dem therapeutischen Einsatz von I-131 wird mit einer geringen Testaktivität die I-131 prozentuale Aufnahme in das Zielgewebe und die Halbwertszeit (HWZ) des I-131 im Gewebe gemessen. Das Volumen des zu behandelten Gewebes wird per Ultraschall ermittelt. Anhand einer Formel kann die notwendige Aktivitätsmenge für jeden einzelnen Patienten individuell genau ermittelt werden.
Die berechnete Aktivitätsmenge ist kommerziell verfüg- und bestellbar, und wird in Kapselform oral verabreicht. Die Therapie mit RJT muss in Deutschland aufgrund gesetzlicher Bestimmungen stationär durchgeführt werden, andere Staaten der EU haben liberalere Regelungen mit unterschiedlich hohen Freigrenzen, die es gestatten, eine RJT (bis zu einer bestimmten Aktivitätsmenge) auch ambulant durchzuführen.

Was sich heute so nüchtern und selbstverständlich anhört, hat eine sehr spannende Vorgeschichte - mit vielen bekannten Wissenschaftlern, Nobelpreisen und technisch/wissenschaftlich/medizinischen "Firsts" - und sogar mit prominenten Politikern und Wasserproben aus dem Weißen Haus.

2) Die Anfänge - Von Europa nach Amerika

Die Geschichte der RJT beginnt - wie viele Elemente der Schilddrüsendiagnostik und -therapie - im alten Europa, im Paris des zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts:
Im Jahr 1896 entdeckt Henri Antoine Bequerel (1852 - 1908) die natürliche Radioaktivität anhand der Eigenstrahlung von Uranerzen. Ab 1898 entdecken seine Assistentin Marie Curie (1867 - 1934), und ihr Ehemann Pierre Curie (1859 - 1906), die radioaktiven Elemente Radium und Polonium.
1903 erhielten Bequerel und das Ehepaar Curie dafür den Nobelpreis für Physik.
Mit den Curies und Bequerel begann Anfang des 20. Jahrhunderts das Atomzeitalter, mit seiner guten und seiner schlechten Seite (Medizin, Nuklearwaffen).

3) Zeitpunkte und Namen, die für die Entwicklung der RJT wichtig waren (1):

*Ausgezeichnet mit dem Nobelpreis (Physik oder Chemie)

Am 31.3.1941 führt Saul Hertz (Massachusetts General Hospital, Harvard University) zusammen mit Arthur Roberts und Robley Evans vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) die erste RJT in der Medizingeschichte durch. Sie therapieren einige Patienten mit Hyperthyreose und verwenden dabei hauptsächlich das Isotop I-130 (HWZ: 12.5 h). (2)

Einige Monate später und einige tausend Meilen weiter westlich, im kalifornischen Berkeley, führen am 12.10.1941 Joseph Hamilton und John H. Lawrence (Bruder von Ernest O. Lawrence, Erfinder des Zyklotrons und Nobelpreisträger von 1932) ebenfalls eine erste RJT durch, die erste mit dem Isotop I-131, welches gegenüber dem I-130 den Vorteil der deutlich längeren HWZ von knapp 8 Tagen hat - und welches heute noch verwendet wird.
Beide Arbeitsgruppen konnten sich damals also als "die Ersten" fühlen und präsentierten ihre Ergebnisse erstmalig auf einem Kongress der American Society for Clinical Investigation in Atlantic City, New Jersey, im Frühjahr 1942.

Der Anwendung am Menschen waren tierexperimentelle Untersuchungen mit I-128, einem sehr kurzlebigen Isotop (HWZ: 25 min), vorangegangen. Seit 1936 war es am MIT möglich, kleine Mengen I-128 herzustellen. An Kaninchen konnte gezeigt werden, dass das Isotop selektiv und aktiv von der Schilddrüse aufgenommen wurde. (3)
Sowohl den Bostoner Forschern als auch der Gruppe in Berkeley war klar, dass für Therapiezwecke längere HWZ benötigt wurden. Beide Forschergruppen verfügten über ein Zyklotron und konnten I-130 und I-131 herstellen.
1939 waren es die Forscher um Hamilton (Berkeley, Kalifornien), die als erste zeigten, dass auch I-131 von der menschlichen Schilddrüse aufgenommen wird. (4)

Es war der New Yorker Arzt Samuel M. Seidlin (1895 - 1955), der als erster I-131 bei Schilddrüsenkrebs mit Metastasen einsetzte - und Medizingeschichte schrieb (Seidlin war Leiter der endokrinologischen Abteilung des Montefiore Hospitals in New York City). (5,13)

Die Geschichte um S.M. Seidlin und seinen Patienten Mr. B.B. ist Legende:
Mr. B.B. entwickelte 20 Jahre nach einer kompletten Thyreoidektomie Zeichen einer schweren Hyperthyreose. Seidlins Theorie war, dass Mr. B.B. hormonell aktive Metastasen entwickelt hatte. Er bestellte daher eine kleine Menge radioaktives Jod (eine Mischung aus I-130 und I-131) als Testdosis, was $ 1500 seines Forschungsetats verschlang und was damals eine formidable Menge Geld war. Im März 1943 erhielt Mr. B.B. die Dosis, und Seidlin, ausgerüstet mit einem tragbaren Geigerzähler, mapte die Radioaktivitätsverteilung in Mr. B.B.´s Körper. An diesem denkwürdigen Tag wurde alle radiologisch bekannten Läsionen als I-131 speichernd gefunden, sowie 2 zuvor unbekannte Metastasen; im Bereich der früheren Schilddrüse wurde keine Aktivität gefunden. Der Pathologe des Krankenhauses, Dr. Marine, wird mit folgendem Satz zitiert: "I have seen many metastases under the microscope, but this was the first time I heard a metastasis talk! "
Mr. B.B. erhielt weitere Dosen I-131 und galt 1949 als geheilt. Mr. B.B. wurde zum medizinischen Wunder und Besucher aus aller Welt strömten ins Montefiori Hospital, um Mr. B.B. und seinen Arzt zu sehen. Das Life Magazine schrieb in einer Titelstory über Seidlin: "……..tumours were destroyed in a simple, almost miraculous way: by the drinking of four doses of radioactive iodine."
In den 1940er Jahren galten alle Patienten mit metastasiertem Krebs als todgeweiht; so dass zu der damaligen Zeit eine Heilung eines Todkranken - mit multiplen Metastasen! - durch simples Trinken einiger Lösungen I-131 tatsächlich (und zu Recht) etwas von einer "Wunder- Heilung" an sich hatte.

Die neue Therapieform war bis zum Ende des 2. Weltkriegs noch nicht sehr weit verbreitet, weil die Isotopenproduktion für zivile Zwecke gering war (die USA konzentrierten in dieser Zeit alle Ressourcen auf die militärische Nutzung der Nukleartechnologie - 1942 standen sie gerade in der Mitte des 2. Weltkrieges); erst ab 1946, nach Ende des Krieges, wurde I-131 (zuvor "Nebenprodukt" aus der Kernspaltung von U-235 im Rahmen des Manhattan Projekts während des Krieges) erstmals in größeren Mengen auch für medizinische Zwecke verfügbar.
I-131 wurde (als Kernspaltprodukt von Uran 235) in größeren Mengen zunächst im Oak Ridge National Laboratory, Oak Ridge, Tennesse, hergestellt und an medizinische Einrichtungen geliefert.
Ab 1946 wurden in den USA innerhalb weniger Jahre hunderte Patienten mit Schilddrüsenüberfunktion und Schilddrüsenkrebs mit I-131 therapiert.

Eine neue Therapieform für Schilddrüsenkrankheiten war geboren!

4) Die Anfänge - Von Amerika nach Europa

Wie um viele bedeutende Ereignisse - wie um Mr. B.B. und Dr. Seidlin in New York - ranken sich auch um die erste RJT in Europa Legenden.

Wie hat sich die 1. RJT in Europa wirklich zugetragen?
Der Autor kennt die wahre Geschichte - buchstäblich aus erstem(r) Mund (Hand):
Die erste Radiojodtherapie in Europa wurde 1948 im Aachener Luisen-Hospital durchgeführt, von Cuno Winkler (1919 - 2003). Winkler wollte einen Patienten mit metastasiertem Schilddrüsenkarzinom mit I-131 behandeln. Das I-131 hatte er beim britischen Atomenergiezentrum in Harwell bestellt (seit 1946 war Harwell, Oxfordshire, Standort für das Atomic Energy Research Establishment der britischen Regierung). Die 10 mCi I-131 kamen auch problemlos per Luftfracht nach Frankfurt/Main und per Bahn nach Aachen. Dort holte Winkler das Paket mit seinem Moped (einer Hecker 125 ccm) persönlich vom Bahnhof ab; mit Klebeband, Schnüren und einem Hosengürtel wurde die Kiste auf dem Moped befestigt. Aufgrund einer starken Steigung kurz vor dem Krankenhaus musste Winkler das Moped schließlich schieben; dies weckte die Aufmerksamkeit der örtlichen Polizei, sie griff ihn auf und verhaftete ihn vorübergehend; nach Erläuterung des Sachverhalts und aufgrund des außerordentlichen Anlasses kooperierte die Polizei schließlich mit ihm, setzte sogar zeitweilig die Straßenverkehrsordnung außer Kraft und dienstverpflichtete zwei Passanten kraft Amtsautorität zur Transporthilfe für Winkler. (7)
So kam die erste RJT in Europa in Gang - ein wenig holprig.

Im Frühjahr 1950, anlässlich des 56. Internistenkongresses in Wiesbaden, berichtete Winkler über die erste I-131-Behandlung in Europa. (8) 1972 wurde Winkler Ordinarius für Nuklearmedizin in Bonn - und damit einer der ersten Lehrstuhlinhaber für Nuklearmedizin in Deutschland. Winkler wurde 1985 emeritiert, 1986 kam der Autor dieses Beitrages an Winklers Klinik - als Oberarzt unter seinem Nachfolger. Bis zu meinem Ausscheiden aus der Bonner Klinik im Jahr 1994 habe ich Winkler in vielen Begegnungen innerhalb der Klinik (er hatte ein Emeritus Zimmer), und nach Feierabend oft auch außerhalb der Klinik - in mancher Bonner Kneipe und Restaurant - gut kennen gelernt.

5) Gleicher Ort - 40 Jahre danach

1988, 40 Jahre nach der historischen, ersten europäischen Radiojodtherapie fand ein Kongress der Deutschen Gesellschaft für Nuklearmedizin in Aachen statt. Dort hielt Winkler einen stürmisch bejubelten Vortrag zur Geschichte der Nuklearmedizin in Deutschland - natürlich war auch die Anekdote mit dem Moped dabei. (9)

6) Das Moped, der Hubschrauber und die Radiojodtherapie

Cuno Winkler hat nicht nur die erste RJT in Deutschland und Europa durchgeführt. Er hat auch eine sehr prominente Person der Zeitgeschichte mit Radiojod behandelt. 1972/73 erkrankte der spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt (*1918) an einer Immunhyperthyreose vom Typ Morbus Basedow. Winkler behandelte ihn.
Ich kann mich noch gut erinnern, wie Winkler davon erzählte, dass er bei ambulanten Terminen Schmidts in der Bonner Klinik immer eine Partie Schach mit ihm spielte, und dass sie - neben den medizinischen Inhalten - lange Gespräche über vielfältige Themen führten, während Soldaten des Bundesgrenzschutzes, mit Maschinenpistolen bewaffnet, den Eingang bewachten. Da die stationäre RJT aus Sicherheitsgründen im Bundeswehrkrankenhaus durchgeführt werden musste, holte ein Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes Winkler und seine Assistentin im Hof der Klinik ab und flog ihn nach Koblenz - Winkler hatte die erforderliche Menge Radiojod im Gepäck; an dieser Stelle der Geschichte erzählte Winkler seinen Zuhörern gerne die Geschichte mit dem Moped - und welche Bedeutung die RJT - in den knapp 25 Jahren seit ihrer Einführung - in der Medizin erlangt hatte:
1948 war das Transportmittel für das Radiojod noch sein eigenes Moped, 25 Jahre später war es ein Hubschrauber des Grenzschutzes -
und sein Patient war Helmut Schmidt.

Er und Schmidt, so erzählte mir Winkler, hatten neben der Arzt-Patienten Beziehung auch eine persönliche Freundschaft entwickelt, die über das Ausscheiden beider aus dem Amt (Schmidt: 1982, Winkler: 1985) hinaus anhielt. Winkler war 1919 in Königsberg, ganz in der Nähe von Kants Haus, geboren worden und hatte - wie er selbst zugab: wegen Kant und Königsberg - bereits früh ein starkes Interesse an Philosophie entwickelt, aber auch an Literatur, Kunst und Geschichte und war ein sehr gebildeter Mann mit vielen Interessen, genau wie Schmidt.

Weshalb erwähne ich das?

1997 gründete mein ehemaliger Praxispartner, Peter Pfannenstiel, die Schilddrüsenliga Deutschland e. V.; die Schilddrüsenliga sollte ein Dachverband für Selbsthilfegruppen von Schilddrüsenkranken in Deutschland werden und diese unterstützen. Pfannenstiel wünschte sich, um die Bekanntheit der Schilddrüsenliga zu steigern, eine prominente Person mit einer Schilddrüsenerkrankung als Ehrenmitglied.
Mir fiel sofort Helmut Schmidt ein - und Cuno Winkler, der ihn ja gut kannte. Da ich selbst im Lauf der Jahre ein gutes Verhältnis zu Winkler entwickelt hatte, fiel es mir leicht, ihn zu fragen, ob er Schmidt für das Projekt gewinnen könnte. Es dauerte nur wenige Tage, bis mir Schmidt - über Winkler - sein Einverständnis übermitteln lies. (11)
Der bekannteste Patient, der mit I-131 behandelt wurde, war der frühere US-Präsident George Bush senior, Anfang der 1990er Jahre; genau wie Schmidt 20 Jahre zuvor, litt er an einer Immunhyperthyreose; innerhalb einer kurzen Zeitspanne erkrankte auch seine Frau Barbara an der Basedow Hyperthyreose.
Die Wahrscheinlichkeit, dass 2 Familienmitglieder diese eher seltene Erkrankung entwickeln, ist ohnehin schon sehr gering; als aber auch der Hund der Bushs (Millie) - ebenfalls in zeitlich engem Abstand - eine Immunhyperthyreose entwickelte (Hunde bekommen diese Erkrankung nur äußerst selten) - schaltete sich der Geheimdienst ein (kein Witz).
Agenten des Secret Service entnahmen Wasserproben aus dem Weißen Haus, Camp David, und Bush´s Privathaus. Untersucht wurden die Proben auf Substanzen, die das Entstehen der Autoimmunkrankheiten des Ehepaars Bush samt Hund begünstigen hätten können, also vor allen Dingen Jod. (14)
Das Ergebnis ist nicht bekannt - auch nicht, ob ein Anschlag vermutet wurde.

7) Der Nobelpreis und die Familie Curie

Marie Curie (1867 - 1934)

Verheiratet mit
Pierre Curie (1856 - 1906)

Ihre Töchter
Irene Curie Joliot (1897 - 1956)

Verheiratet mit:
Frederic Joliot (1900 - 1958)

Eve Denise Curie Labouisse(*1904)

Verheiratet mit:
Henry Richardson Labouisse (1904 - 1987)

Marie Curie wurde als Maria Sklodowska in Warschau geboren. Sie studierte Physik und Chemie an der Pariser Universität Sorbonne. 1895 heiratete sie den Physiker Pierre Curie (6). Als erste Frau wurde sie 1906 in der Nachfolge ihres Mannes (er starb 1906 bei einem Verkehrsunfall) Professorin für Physik an der Sorbonne. 1922 wurde sie als erste Frau Mitglied der Pariser Academie de Medicine.
Ihr zu Ehren wurde das chemische Element mit der Ordnungszahl 96 als "Curium" benannt (1944).

Marie Curie war eine außergewöhnliche Frau:
1903 erhielt sie als erste Frau überhaupt - zusammen mit ihrem Ehemann - einen Nobelpreis, den für Physik, für ihre Arbeiten über die natürliche Radioaktivität "als Anerkennung des außerordentlichen Verdienstes, den sie sich durch ihre .... Arbeiten über die von Antoine ...Bequerel entdeckten Strahlungsphänomens erworben hatten."

1911 erhielt sie einen weiteren Nobelpreis, diesmal für Chemie, "als Anerkennung des Verdienstes, den sie sich um die Entwicklung der Chemie erworben hat, durch die Entdeckung der Elemente Radium und Polonium......"

Ihre Tochter, Irene Curie-Joliot und ihr Schwiegersohn, Frederic Joliot, erhielten 1935 ebenfalls den Nobelpreis für Chemie; beide waren Assistenten an dem 1914 von Marie Curie gegründeten "Institut du Radium"; beide setzten Marie Curies Forschungen auf dem Gebiet der Radioaktivität fort; Irene Curie-Joliot und Frederic Joliot entdeckten 1934 die künstliche Radioaktivität, die wesentliche Grundlage für das spätere klinische Fach "Nuklearmedizin", inklusive der Radiojodtherapie.

8) Der Nobelpreis und die Frauen der Familie Curie

Die Einzigartigkeit der Leistungen der weiblichen Mitglieder der Familie Curie, Mutter Marie und Tochter Irene Curie, wird in ihrer ganzen Tragweite erst deutlich, wenn man folgende Zahlen betrachtet:

  1. Von 1901 bis heute wurden nur 5 Preise in Chemie und Physik an 4 Frauen verliehen. 3 von den 5 Preisen gingen an die Frauen Curie.
  2. Von 1901 bis heute gab es nur 3 Frauen (bei 146 Preisträgern), die den Nobelpreis für Chemie erhielten:
    Marie Curie (1911), Irene Curie (1935) und Dorothy Crowfoot Hodgkin (1964)
  3. Von 1901 bis heute gab es nur 2 Frauen (bei 175 Preisträgern), die den Nobelpreis für Physik erhielten:
    Marie Curie (1903) und Maria Goeppert-Mayer (1963).
  4. Unter den 758 bislang an Personen vergebenen Preisen aller Kategorien sind (nur) 33 weiblich.
  5. Es gibt nur 4 Personen, die 2 Nobelpreise erhielten.
    Zwei dieser 4 Personen erhielten den Preis zweimal in einer Kategorie:
    John Bardeen (1956: Physik; 1972: Physik) und Frederick Sanger (1958: Chemie; 1980: Chemie)
  6. Es gibt nur 2 Personen, die 2 Preise in verschiedenen Kategorien erhielten:
    Linus Pauling (1954: Chemie; 1962: Frieden) und Marie Curie (1903: Physik; 1911: Chemie)
    Linus Pauling ist die einzige Person, die einen Preis zweimal ungeteilt erhalten hat.

Es gibt es nur 1 Person, die jeweils einen Preis in zwei unterschiedlichen naturwissenschaftlichen Fächern - einer traditionellen Männerdomäne - erhalten hat: Marie Curie.

Vielleicht war es die ihr zugeschriebene "Lebensphilosophie", die dies möglich gemacht hat: "Man braucht nichts im Leben zu fürchten, man muss nur alles verstehen", soll sie gesagt haben.

9) Der Nobelpreis und die Radiojodtherapie

Dass auch die diagnostische und therapeutische Anwendung der Radioaktivität in der Medizin einen herausragenden Platz einnimmt, wird an folgenden Zahlen deutlich:
Die Gesamtzahl der Wissenschaftler, die in irgendeiner Form zur Forschung/Entwicklung/klinischen Anwendung der Radioaktivität in der Medizin beigetragen haben und die dafür mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden, beträgt 26; allein im Zeitraum von 1901 bis Anfang der 1940er Jahre (erste Radiojodtherapie) waren es 19.

10) Die Französische Republik und die Familie Curie

Die zweite Tochter der Curies, Eve, ging andere Wege als ihre Familie, keine naturwissenschaftlichen. Sie wurde Schriftstellerin, Journalistin und Konzertpianistin. Vor knapp 70 Jahren, im Jahr 1937, schrieb sie eine Biographie über ihre Mutter, die in viele Sprachen übersetzt und ein Welterfolg wurde. Das Buch wird heute noch verlegt. (6) Die 1904 geborene Eve heiratete 1954 im Alter von 50 Jahren den Amerikaner Henry R. Labouisse (US Botschafter in Frankreich von 1951 - 1954, später langjähriger Exekutivdirektor der UNICEF; 1965 nahm er für UNICEF den Friedensnobelpreis entgegen).
51 Jahre später (im Juli 2005; ziemlich genau 71 Jahre nach dem Tod ihrer Mutter) wurde Eve Curie in einer Feierstunde im UNICEF Gebäude in New York von Frankreichs Botschafter bei der UN der Orden der Französischen Ehrenlegion verliehen, die höchste Auszeichnung der Französischen Republik; Eve Curie ist mittlerweile 102 Jahre alt und lebt in New York. (10)
Eine weitere - posthume - Ehre wurde ihren Eltern zuteil: im April 1995 (93 Jahre nach Entdeckung des Radiums) wurden die sterblichen Überreste von Marie und Pierre Curie auf Veranlassung des französischen Staatspräsidenten François Mittérand ((1916-1996) kurz vor Ende seiner Amtszeit) im Rahmen einer feierlichen Zeremonie in das Panthéon nach Paris überführt.
Die Inschrift auf dem Fries des Panthéons lautet: "Aux grands hommes la patrie reconnaissante". Ab Marie Curie - der ersten Frau, die aufgrund der Statuten einen eigenen Anspruch auf Beisetzung im Pantheon erworben hat - haben dort nicht nur Männer -"hommes"- sondern Menschen -"hommes"- ihre letzte Ruhestätte (12).

Literatur

  1. Feld M, De Roo M: Geschichte der Nuklearmedizin in Europa. Stuttgart, F. K. Schattauer, 2000
  2. Hertz S, Roberts A: Application of radioactivity iodine in therapy of Graves´ disease. J Clin Invest 1942; 21:624
  3. Hertz S, Roberts A, Evans, RD: Radioiodine as an indicator in the study of thyroid physiology. Proc Soc Exp Biol Med 1938; 85: 510
  4. Hamilton JG, Soley MH: Studies in iodine metabolism by use of a new radioactive isotope of iodine. Am J Physiol 1939; 127: 557
  5. Seidlin SM, Marinelli LD, Oshry E: Radioactive iodine therapy: effect on functioning metastases of adenocarcinoma of the thyroid. JAMA 1946; 132: 838
  6. Curie E: Madame Curie. Eine Biographie. Frankfurt, Fischer, 1999
  7. Winkler C: The first shipment of Radio-Iodine to Aachen. History of Nuclear Medicine in Europe. Budapest 1987: 6
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